Das nordkoreanische Fernsehen zeigte gestern Bilder verzweifelter Bürger, die ihre Trauer herausschrien: «Wie konnte er uns so verlassen?», klagte ein Parteimitglied, «was sollen wir jetzt tun?»

Wie echt die Trauer über den Tod Kims war, ist vorerst kaum zu ergründen. Nur so viel ist klar: Mit dem Tod des Diktators beginnt nicht nur eine neue Periode grosser Unsicherheit für das Regime und für die 23 Millionen Bürger des Landes. Auch die Nachbarn China, Südkorea, Japan und Russland blicken nun mit höchster Sorge auf die Ereignisse in Nordkorea.

Gottähnliche Retter der Nation

Kim Jong-il hinterlässt einen Staat, der sich seit mehr als einem halben Jahrhundert von der Aussenwelt abgeschottet hat – und dessen Bürger von Kindheit an dazu erzogen wurden, die herrschende Kim-Dynastie als gottähnliche Retter der Nation vor ausländischen Feinden zu verehren. Der Hauptgegner sind seit dem Ende des Koreakriegs (1950–1953) die USA.

Die Schuld an der Hungersnot Mitte der 1990er-Jahre, als vermutlich über eine Million Menschen starben, schoben Kim und seine Generäle Naturkatastrophen und den USA in die Schuhe – nicht etwa der rigiden Planwirtschaft, die bis heute die Bevölkerung über ein Verteilungssystem mit Waren versorgen soll. Wirtschaftliche Hilfen, mit denen China, die UNO und die EU, Südkoreaner und Amerikaner das Land bislang vor dem Zusammenbruch retteten, wurden offiziell als Geschenke des «Lieben Führers» an sein Volk verkauft.

Das politische und wirtschaftliche System Nordkoreas ist in der Welt einzigartig – eine Mischung aus Kollektivismus, Konfuzianismus und religiöser Überhöhung der Herrscherfamilie, deren Geschichte von Legenden und Mythen durchwirkt ist. Als Kim Jong-il geboren wurde, erschienen angeblich zwei Regenbogen über dem heiligen Berg Paektu, und die Medien des Landes fanden später auch nichts dabei, dem Volk zu erklären, dass ihr «Geliebter Führer» beim Golfen alle 18 Löcher mit einem Schlag geschafft habe.

Eisenhart statt göttlich im Alltag

Die Kims erwiesen sich freilich im Alltag wenig göttlich, sondern eisenhart: Mithilfe der Armee, der Polizei und einem riesigen Heer von Spitzeln ersticken sie jeden Widerstand nach innen. Dazu trägt ein grausames System von Sippenhaft bei: Auch die Familien von Kriminellen oder politischen unliebsamen Landsleuten müssen büssen. Hunderttausende Nordkoreaner werden derzeit in den Arbeitslagern festgehalten.

Gleichzeitig vermittelten die heimischen Medien, Filme und Schulunterricht den Nordkoreanern lange Zeit den Eindruck, in einem paradiesischen Land zu leben, das sich grundsätzlich von allen anderen unterscheidet und das von einem Geist behütet wird: Der 1994 verstorbene Staatsgründer Kim Il-sung regiere bis heute aus dem Jenseits als «Präsident auf ewig».