Frankreich

Nach «Charlie»-Attentat: Der religiöse Teufelskreis ist zurück

Die Blumen vor dem «Hyper Cacher» verwelken – und die «Je suis Charlie»-Entente ist ein Scherbenhaufen.Christophe Ena/AP/Keystone

Die Blumen vor dem «Hyper Cacher» verwelken – und die «Je suis Charlie»-Entente ist ein Scherbenhaufen.Christophe Ena/AP/Keystone

Anderthalb Monate nach dem «Charlie»-Attentat wird wieder aufgerechnet: Wie viele antisemitische, wie viele antiislamische Akte?

Die Blumensträusse sind längst verblüht, ihre nassen Plastikfolien knattern im scharfen Wind. Auch die Erinnerung welkt vor dem «Hyper Cacher», dem jüdischen Supermarkt an der Porte de Vincennes, in dem es am 9. Januar zu einer mörderischen Geiselnahme kam. Der Alltag gewinnt auch an Terrorschauplätzen rasch wieder die Oberhand. Vor dem im Umbau befindlichen Geschäftslokal gehen die Passanten in den Wind gebeugt, ohne einen Blick auf die Blume, Kränze und Schilder zu werfen.

«Je suis Charlie», heisst es da natürlich, und «Je suis policière, je suis juive». Ein Meer der Solidarität und des Gedenkens: Ich bin Polizistin, ich bin Jude. Und dann ein einziges, ein schreckliches «ich war»: «J’étais François-Michel Saada», für einen 64-jährigen Rentner, eines der vier Todesopfer des koscheren Geschäftes.

François-Michel Saada wollte für das Mittagessen rasch zwei Brötchen holen an jenem 9. Januar. Im Laden war bereits der Attentäter Ahmedy Coulibaly. Der Rentner realisierte das nicht, obwohl ihm die Kassierin verzweifelt bedeutete, das Geschäft sei geschlossen. Saada trat ein – und wurde auf der Stelle erschossen.

Ihm und den anderen 16 Todesopfern der Terroranschläge war das diesjährige Galadiner der jüdischen Organisationen Frankreichs (Crif) gewidmet. In einem Pariser Hotel traf sich Tout-Paris von links bis rechts – eine ganze Reihe von sozialistischen Ministern sowie die Crème der Opposition, angeführt von Nicolas Sarkozy. Sein linker Widersacher, Präsident François Hollande, kündigte in seiner Rede eine Verschärfung der Gesetzgebung an: Antisemitische Akte sollen in Zukunft generell als «erschwerender Umstand» geahndet werden.

«Die Juden sind in Frankreich zu Hause», beteuerte der Staatschef landesväterlich. «Es sind die Antisemiten, die in der Republik keinen Platz haben.» Das war auch eine indirekte Antwort an den israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu, der im Januar den Tatort des «Hyper Cacher» aufgesucht und dort die französischen Juden wahlkampfbewusst zur Emigration aufgerufen hatte. Vor allem war es eine Reaktion auf die Verdoppelung der antijüdischen Gewaltakte in Frankreich: Laut Crif waren es 423 im Jahr 2013, 851 im vergangenen Jahr.

Muslime boykottieren Diner

Nicht von ungefähr grassiert unter den 500 000 französischen Juden, der grössten jüdischen Gemeinschaft in Europa, die Angst. Angst vor wem eigentlich? Crif-Präsident Roger Cukierman stach vor dem Gala-Diner ins Wespennest: «Alle Gewalttaten werden heute von jungen Muslimen begangen», sagte er. Der ebenso gemässigte wie gemächliche Präsident des muslimischen Kultusrates CFCM, Dalil Boubakeur, boykottierte den Crif-Anlass darauf demonstrativ. Die «Je suis Charlie»-Entente ist bereits wieder ein Scherbenhaufen.

Das Kollektiv gegen Islamophobie in Frankreich (CCIF) kontert, die antiislamischen Akte hätten in Frankreich 2014 ebenfalls zugenommen – um elf Prozent auf 764. Diese Zahl schliesst jedoch – anders als der Crif – nicht nur verbale und körperliche Angriffe ein, sondern auch 586 «Diskriminierungen» am Arbeitsplatz oder bei der Wohnungssuche.

Frankreichs alte Dämonen sind damit zurück: Anderthalb Monate nach den «Charlie»-Attentaten wird wieder aufgerechnet, verglichen: Wie viele antisemitischen, wie viele antiislamischen Akte? Die Muslime hören, wie Hollande den Juden am Crif-Abend sagte: «Ihr habt uns so viel gegeben!» Warum sagt er das nie zu uns, die wir Frankreich seit einem halben Jahrhundert als Arbeitskräfte gedient haben, fragen nun viele Maghrebiner. Sie haben letzte Woche einen zufällig gefilmten Vorfall am Fernsehen gesehen: Ein 33-jähriger Muslim mauretanischer Abstammung namens Souleymane S. wurde von Chelsea-Hooligans handgreiflich am Betreten des Metro-Wagens gehindert – einzig, weil er dunkler Hautfarbe war. Hollande reagierte bis heute nicht; Premier Manuel Valls verurteilte die Tat zwei Tage später eher lauwarm.

Wird mit zwei Ellen gemessen?

Dem verwüsteten jüdischen Friedhof stattete Hollande hingegen einen Besuch ab. Jean-Luc Mélenchon von der Front de Gauche, der Linksfront, übte Kritik: «Es genügt, dass ein paar unerzogene Bengel einen Friedhof plündern – was bedauernswert und inakzeptabel ist – und schon stöhnt das ganze Land im Takt.» Im franko-türkischen Magazin «Zaman» gehen immigrationsfreundliche Politologen noch weiter und erklären, es werde in Frankreich bei der Bekämpfung von Antisemitismus und Islamophobie «mit zwei Ellen gemessen», was «die antisemitischen Gefühle noch verstärkt und in den Vorwurf mündet, die Muslime seien Antisemiten».

Da ist sie wieder, die alte Debatte über die «Bevorzugung» der einen, die «Diskriminierung» der anderen. Premier Valls stellt klar: Benachteiligungen im Alltag wegen der Hautfarbe seien entschlossen zu bekämpfen; er habe das als Bürgermeister der Banlieue-Vorstadt Evry jahrelang getan. Doch das sei nicht dasselbe wie gezielte Terror- und Mordanschläge auf einzelne Menschen. Valls’ Parteifreund Roland Dumas (92), ein langjähriger Aussenminister von François Mitterrand, meinte darauf, Valls stehe «unter jüdischem Einfluss». Gemeint war Valls’ Frau, die jüdische Violinistin Anne Gravoin. Hollande erwiderte am Crif-Abend, der jahrhundertealte Antisemitismus sei «wie die Lepra, die zurückkommt, wenn die Zivilisationen glaubten, sich ihrer entledigt zu haben».

So wogt in den Pariser Politzirkeln die giftige, vergiftende Debatte. Noch nicht angesteckt hat sie den Stadtrand an der Porte de Vincennes. Dort, am Tatort des brutalsten Antisemitismus, ist heute von Antisemitismus nichts zu spüren. Vor dem «Hyper Cacher» schauen sich zwei 14-jährige Mittelschülerinnen die Bauarbeiten an. Am 9. Januar mussten sie in ihrer Schule am anderen Ende des Vincennes-Parks einen Nachmittag lang auf dem Pausenplatz ausharren, bevor die Polizei sie nach Hause entliess. «Wir hatten schrecklich Angst, wir wussten ja nicht, was vorging, wir sahen nur die Helikopter über unseren Köpfen», sagt Ana. «Und unsere jüdischen Kollegen haben immer noch Angst.» Viele von ihnen wechselten nun in eigene jüdische Privatschule, erzählt Alice. «Dabei wären sie bei uns in der öffentlichen Schule sicher geschützt.»

«Il y a des bons et des cons»

Vor dem «Traiteur Charles», dem Nachbarladen des «Hyper Cacher», raucht eine Frau eine Pausenzigarette. Ihre Erinnerung an den 9. Januar ist noch nicht verwelkt. «Beim ersten Schuss meinten wir, es sei irgendwo ein Reifen explodiert», erzählt Dunya. «Dann merkten wir, dass es im Hyper ein Problem gab.» Dunya ist Muslimin marokkanischer Herkunft. Sie teilt die Menschheit nicht nach der Religionen ein. «Il y a des bons et des cons», sagt sie vielmehr: Es gibt Gute und es gibt Deppen. Sie hat ausgerechnet: «Selbst wenn die Deppen nur ein Promille der Menschheit ausmachen würden, gäbe es immer noch sieben Millionen.» Einer von ihnen kam am 9. Januar mit einer Kalaschnikow vorbei. Aber auch ihn macht der Alltag wieder vergessen: Muslime und Juden arbeiten an der Porte de Vincennes wie vorher zusammen.

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