Es war gegen 3 Uhr morgens, als auf der zwischen Homs und Palmyra liegenden syrischen Luftwaffenbasis «T4» eine iranische Drohne vom Typ «Schahed 129» (deutsch: Augenzeuge) gestartet wurde. Eine gute Stunde später erreichte das Flugobjekt den Luftraum über den Golan-Höhen, wo es südlich des Sees Genezareth von einem Kampfhubschrauber abgeschossen wurde. Auf die «schwerste Verletzung unserer Souveränität seit Jahren», so ein Militärsprecher in Jerusalem, reagierte Israel prompt: Kampfflugzeuge stiegen auf, um die Einrichtungen der Iraner in der zentralsyrischen Wüste zu zerstören.

Die Vergeltungsattacken wurden offenbar erwartet. Denn im Gegensatz zu früheren Angriffen präsentierte sich die syrische Luftverteidigung dieses Mal gut vorbereitet. Zum ersten Mal seit den 80er-Jahren gelang es ihr, mit kürzlich modernisierten russischen Abwehrraketen des Typs S-125 Newa eine israelische F-16 abzuschiessen. Die beiden Piloten konnten ihre Maschine noch in den israelischen Luftraum steuern, wo sie sich über dem Hochland von Galiläa mit dem Schleudersitz retteten. Einer von ihnen wurde dabei schwer verletzt und wurde in ein Spital in Haifa eingeliefert.

Der erste Verlust eines israelischen Flugzeuges seit 2006, als ein mit fünf Soldaten besetzter Kampfhubschrauber im Süd-Libanon von einer Hisbollah-Rakete zerstört wurde, bedeute eine «schwerwiegende Eskalation» in dem bald sieben Jahre andauernden Stellvertreterkrieg in Syrien, kommentierte der Militärkorrespondent der BBC. Israelische Luftangriffe in Syrien, fügte er hinzu, würden zwar relativ häufig geflogen. Verluste, die am Nimbus der unüberwindbaren Luftwaffe kratzten, seien aber nicht eingeplant.

Heftige Reaktion Israels

Entsprechend massiv reagierte Israel dann auch auf «das iranisch-syrische Spiel mit dem Feuer». In mindestens zwei grossen Angriffswellen seien zwölf Ziele in der Nähe von Damaskus sowie in Zentralsyrien bombardiert worden, meldete ein israelischer Militärsprecher. Man habe «vier iranische Stellungen und drei Luftabwehrsysteme getroffen». Die Angriffe wurden offenbar «live» vom israelischen Premierminister Benjamin Netanjahu verfolgt.

Trotz den vermutlich erheblichen Zerstörungen, welche die gestrigen Angriffe der israelischen Luftwaffe verursacht haben dürften, wurde der Abschuss einer F-16 von syrischen Kommentatoren teilweise euphorisch gefeiert. Im Staatsfernsehen war «von einem grossen Tag für das Vaterland» die Rede. Auf den Strassen von Damaskus verteilten Soldaten Süssigkeiten an die Passanten, um den «Triumph über die Zionisten» zu feiern. Auch aus Teheran, wo gestern der 39. Jahrestag der Revolution mit einer Militärparade gefeiert wurde, kam lauter Jubel. Die Zeit der israelischen Luftangriffe sei nach dem Abschuss der F-16 vorbei, so ein iranischer Militärsprecher.

Israel wiederum behielt sich nach den gestrigen Vergeltungsangriffen weitere Reaktionen vor. Verantwortlich für die Eskalation sei der Iran, der mit dem Start seiner «Augenzeuge»-Drohne eine «ernsthafte Attacke auf israelischem Gebiet» durchgeführt habe, erklärte Armeesprecher Ronen Manelis. Iran ziehe die Region in ein Abenteuer, dessen Ende es nicht kenne. Weitere Luftschläge auf iranische Einrichtungen in Syrien scheinen damit vorprogrammiert.

Die Regierung in Jerusalem geht davon aus, dass der Iran nicht nur seine Rüstungslieferungen an die libanesische Hisbollah-Miliz verstärkt hat, sondern auch mit dem Bau von Fabriken zur Waffenherstellung begonnen hat. Mit der Errichtung von Militärstützpunkten in Syrien bedrohe die Islamische Republik zudem direkt die Sicherheit von Israel, das am Wochenende massive Rückendeckung aus den USA erhielt.

«Unheilvolle Aktivitäten» Irans

«Irans kalkulierte Eskalation der Bedrohung» und seine Machtansprüche brächten «alle Menschen in der Region, vom Jemen bis zum Libanon, in Gefahr», betonte die Sprecherin des amerikanischen Aussenministeriums, Heather Nauert. Die USA würden sich daher weiterhin den «unheilvollen Aktivitäten des Iran in der Region» entgegenstellen. Die russische Regierung, der engste Verbündete des Assad-Regimes, zeigte sich unterdessen «ernsthaft besorgt» über die jüngsten Entwicklungen. «Wir rufen alle Parteien auf, Zurückhaltung zu üben und jegliche Aktionen zu vermeiden, die zu einer noch grösseren Komplizierung der Lage führen könnten», hiess es in der Erklärung des Moskauer Aussenministeriums.