«Sie werden zu Fuss kommen und auf jedem klapprigen Kamel, aus tiefen Tälern und entlegenen Bergen», heisst es im Koran. Und heute kommen «sie» auch aus der Luft: Seit drei Wochen landen in den speziellen Pilgerterminals der Flughäfen von Jeddah und Medina wieder die Hadsch-Sondermaschinen aus aller Welt. Zweieinhalb Millionen Gläubige werden zur wichtigsten Wallfahrt der Muslim, dem Hadsch, erwartet. An diesem Sonntag beginnt er. Für Aufsehen sorgt ein junger Russe, der die 6600 Kilometer aus seiner Heimat nach Mekka in drei Monaten mit dem Fahrrad zurücklegte.

Jahr für Jahr befindet sich Saudi-Arabien während der fünf Pilgertage im Ausnahmezustand, auch weil das grösste religiöse Fest der islamischen Welt regelmässig von erbitterten politischen Streitereien begleitet wird. Mal waren es die Iraner, die sich diskriminiert fühlten, mal klagten Jemeniten aus dem benachbarten Kriegsgebiet über extreme bürokratische Hürden. Im vergangenen Jahr sahen sich die Kataris praktisch von dem heiligen Ritual ausgeschlossen.

45'000 Klimaanlagen

Dieses Jahr jedoch bleibt es bisher auffällig ruhig. Das liegt nicht zuletzt daran, dass die Rivalen der islamischen Welt durch ihre Krisen ausgelaugt und von ihren inneren Turbulenzen absorbiert sind. Der «Islamische Staat» ist seit vergangenem Herbst von der Landkarte verschwunden, der Krieg im Jemen zu einen Dauerzustand erstarrt, genauso wie der Konflikt zwischen Saudi-Arabien und Katar. Der Iran wiederum wird seit Monaten von Wirtschaftsproblemen und der Unzufriedenheit seiner Bevölkerung geschüttelt.

Der Hadsch bietet Gelegenheit, all diese Krisen hinter sich zu lassen und friedlich zusammenzukommen, sich gar mit seinen politischen Erzfeinden zu versöhnen. Als Zeichen der Gleichheit und rituellen Reinheit tragen alle Männer und Frauen weisse Gewänder. Am Sonntag umrunden die Beter sieben Mal den schwarzen Stein der Kaaba in der Grossen Moschee. In der Nacht zu Montag schlafen die Massen dann in einer eigens dafür errichteten Zeltstadt bei Mina fünf Kilometer ausserhalb der heiligen Stadt. 45'000 Klimaanlagen wurden hier in den letzten Wochen installiert, die die Sommertemperaturen von über 40 Grad auf die Hälfte herunterkühlen sollen.