Bei der mutmasslichen Amok-Fahrt eines 48-jährigen Mannes aus Deutschland am Samstagnachmittag in der nordrhein-westfälischen Studentenstadt Münster verloren zwei Deutsche – eine 51-jährige Frau und ein 65 Jahre alter Mann – ihr Leben. Unter den über 20 Verletzten sollen Berichten zufolge vier Schwerstverletzte sein. Noch in der Nacht auf Sonntag hatte es im Uniklinikum mehrere Notoperationen gegeben. Über den Zustand der Verletzten lagen bis gestern keine weiteren Angaben vor. Ein Augenzeuge schilderte den Vorfall gegenüber mehreren Medien in dramatischen Worten: «Ich habe einen lauten, dumpfen Schlag gehört und mit einem Mal schrien die Leute auf: ‹Oh mein Gott!›». Eine 27-jährige Studentin erinnert sich an panisch weglaufende Menschen. «Weg, weg, da ist einer in Menschen gerast, das ist Terror!», hätten diese gerufen.

Beim Täter soll es sich um einen 48 Jahre alten Industriedesigner handeln, der mehrere Meldeadressen hatte. Seine Wohnung in der Münsteraner Innenstadt, lediglich zwei Kilometer vom Tatort entfernt, wurde noch am späten Samstagabend von der Polizei durchsucht. Die Beamten fanden eine ausrangierte und nicht mehr funktionstüchtige Kalaschnikow, zudem sogenannte Polen-Böller. Solche in Deutschland verbotenen Feuerwerkskörper, die es vor allem an der deutsch-polnischen oder tschechisch-deutschen Grenze zu kaufen gibt, vorwiegend in China und Italien produziert werden und über eine enorme Sprengkraft verfügen, fanden die Beamten auch in dem VW-Bus, mit dem Jens R. am Samstag kurz vor 15.30 Uhr mit hohem Tempo in eine vor einer Kneipe sitzende Menschenmenge fuhr. Auffallend waren mehrere Drähte an dem VW-Camper, die von aussen ins Fahrzeuginnere führten. Die Sprengstoffexperten gaben später allerdings Entwarnung.

Kontakte ins rechtsextreme Milieu?

Die Motive der Tat bleiben weiterhin schleierhaft. «Bislang liegen keine Hinweise auf einen möglichen Hintergrund der Tat vor. Die Ermittlungen werden mit Hochdruck und in alle Richtungen geführt», erklärte der Einsatzleiter, Polizeidirektor Martin Fischer. Medien berichten, der zurückgezogen lebende Jens R. habe Ende März via Facebook seinen Abschied gegenüber Bekannten angekündigt. Offenbar sei der Mann in der jüngeren Vergangenheit psychisch auffällig gewesen, vor Kurzem habe er sogar einen Suizidversuch unternommen. Die «Süddeutsche Zeitung» berichtet, der Mann sei der Polizei wegen Sachbeschädigung und Bedrohung in seinem persönlichen Umfeld aufgefallen, es wurden auch Verfahren gegen ihn eingeleitet. Zudem soll er - unbestätigten Berichten zufolge - Kontakte ins rechtsextreme Milieu unterhalten haben. Die Süddeutsche Zeitung berichtete am Abend weiter, es seien keine Indizien auf eine politische motivierte Tat erkennbar. Der Zeitung zufolge habe der offenbar vermögende Mann in einer mehrere Seiten umfassenden Schreiben an Bekannte über sein angeblich verpfuschtes Leben geklagt. Neben einer Wohnung in Münster hatte der Mann zwei weitere Wohnungen in Ostdeutschland. Auch diese wurden von der Polizei durchsucht. Dort stiessen die Beamten auf ein älteres, 18-seitiges Dokument, das die Ermittler als Suizidankündigung interpretierten.

Hinweise über eine islamistisch motivierte Tat lagen keine vor. «Es spricht nichts dafür, dass es irgendeinen islamistischen Hintergrund gibt», erklärte der Innenminister des Landes Nordrhein-Westfalen, Herbert Reul. Der Terrorismusexperte der ARD, Michael Stempfle, bestätigt diese Einschätzung. Der Tathergang spreche kaum für einen islamistischen Hintergrund. Der Fahrer habe nach der Tat weder das Fahrzeug verlassen, noch habe er sich zur Wehr gesetzt, sondern sich selbst im Fahrzeuginnern mit einer Waffe gerichtet. «Das unterscheidet ihn von islamistischen Attentätern», so Stempfle.

Trump: «Verurteilen die Tat»

Zu Ehren der Opfer fand am Sonntagabend im Münsteraner Paulus-Dom ein Gedenkgottesdienst statt. Bereits am Nachmittag reiste Innenminister Horst Seehofer (CSU) nach Münster, um sich über den Stand der Ermittlungen zu informieren. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) zeigte sich in einer Stellungnahme «zutiefst erschüttert» über den Vorfall. «Es wird jetzt alles Denkbare zur Aufklärung der Tat und zur Unterstützung der Opfer und ihrer Angehörigen getan», sagte sie weiter. Auch US-Präsident Donald Trump kondolierte Deutschland. «Unsere Gedanken und Gebete sind bei den Familien der Todesopfer und wir wünschen allen Verletzten eine vollständige Genesung. Auch wenn es für die Tat noch kein Motiv gibt, verurteilen wir sie und sichern die volle Unterstützung der US-Regierung zu, die Deutschland benötigt», teilte das Weisse Haus nach dem Anschlag mit.