Gas-Pipeline

Moskau baut weiter aus: Europas Abhängigkeit von Russland wird grösser

Das Verlegeschiff «Nord Stream 2» (r.) vor der Insel Rügen.

Das Verlegeschiff «Nord Stream 2» (r.) vor der Insel Rügen.

Putins Land baut eine weitere Gas-Pipeline – und Berlin unterstützt das Projekt. Wie gefährlich ist die zunehmende energiepolitische Abhängigkeit von Moskau?

Die Ostsee ist rau an diesem Dienstag, ein kühler Wind weht einem ins Gesicht, hier im hohen Norden von Deutschland. Am Rande des kleinen Ortes Lubmin in Mecklenburg-Vorpommern stehen Bagger in den Dünen, mit Beton umhüllte Rohre führen über das Gelände, kleine Baracken sind in die unwirtliche Landschaft gepflanzt. Behelmte Männer mit gelben Westen laufen geschäftig durch die Gegend, es lärmt von den Baumaschinen.

Um diese Baustelle hat sich ein gewaltiges Politikum entwickelt. Durch die Rohre an der Küste von Lubmin soll bereits Ende dieses Jahres russisches Gas von der Küste bei St. Petersburg in den Norden Deutschlands und von dort aus nach Europa strömen, auch in die Schweiz. 55 Milliarden Kubikmeter zusätzliches russisches Gas pro Jahr, das verspricht die neue, 1200 Kilometer lange und auf dem Meeresboden verlegte Pipeline zu liefern.

800 Kilometer sind schon geschafft. Eine Verdoppelung der bisherigen Menge an Gas, die schon durch Nord Stream 1 nach Europa fliesst. Nord Stream 2 nennt sich das Projekt des russischen Gasmonopolisten Gazprom, mitfinanziert ist das etwa 8 Milliarden Euro teure Bauwerk von fünf westeuropäischen Gasunternehmen. Der Projektentwickler, die Nord Stream 2 AG, hat ihren Hauptsitz in Zug.

Der geduldige Schweizer

Jens Müller ist an diesem Dienstag extra aus der Innerschweiz an die Ostseeküste gereist, etwa 50 Vertreter ausländischer Medien aus 13 Ländern sind zum Medientermin in den Norden gekommen, Müller will sie heute über das Projekt informieren. Der 56-Jährige ist Pressesprecher der Nord Stream 2 AG, er informiert und beantwortet geduldig sämtliche Fragen. Er will ein Bild geraderücken. Das Image, das dem Projekt anhaftet, korrigieren.

Trump droht mit Sanktionen

Die russische Gaspipeline ist hoch umstritten. Vor allem Polen, die Ukraine und die baltischen Staaten üben Kritik an dem von der deutschen Regierung unterstützten Projekt. Auch die EU ist der Ansicht, dass Nord Stream 2 nicht im Interesse Europas sei, da Russland noch mehr Einfluss auf dem europäischen Energiemarkt gewinne. Und US-Präsident Donald Trump fordert Deutschland ganz offen dazu auf, das Nord-Stream-2-Projekt zu stoppen – das Weisse Haus droht unverblümt mit Sanktionen gegen deutsche Firmen.

Freilich, auf Widerstand stösst das Projekt in Polen und im Baltikum aus anderen Gründen als in den USA. Trump will vor allem das US-amerikanische Flüssiggas den Europäern verkaufen und den russischen Einfluss auf dem alten Kontinent zurückdrängen. Noch mehr russisches Gas in Europa durchkreuzt diese Pläne.

Die geplante Nord-Stream 2

Die geplante Nord-Stream 2

Die Osteuropäer ihrerseits fürchten sich vor einer Rückkehr in alte Zeiten, als in Moskau auch über die Belange in Warschau und Bratislava entschieden worden war. Und die Ukraine hat konkrete Befürchtungen, dass die neue Gaspipeline vor allem dazu da sein wird, um die bestehende russische Pipeline durch die Ukraine obsolet zu machen. Es wäre für das noch immer in einen Konflikt mit Russland verwickelte Land ein finanzielles Desaster, sollten die so wichtigen Transitgebühren künftig ausbleiben.

Jens Müller weiss natürlich, dass Nord Stream 2 nicht nur ein wirtschaftliches Projekt ist, sondern ein hochpolitisches: «Es ist das Wesen des Wettbewerbs, dass der eine, wenn er besser ist als der andere, mehr verdient als der andere.

Das ist im Gasmarkt nicht anders», sagt er etwas verklausuliert und spricht damit die Ukraine an, die ihre Pipeline-Infrastruktur eben in Schuss halten müsse, um mit der neuen Gaspipeline zu konkurrieren. Nord Stream 2 sei gar nicht in der Lage, jene Menge an Gas zu befördern, die heute durch die Ukraine fliesst, beschwichtigt Müller. Ohnehin, der Gas-Bedarf werde steigen, nachdem etwa Deutschland den Kohle- und Atomausstieg beschlossen habe: «Nord Stream 2 kann die Pipeline durch die Ukraine nicht ersetzen.»

Der gebürtige Mecklenburger räumt aber auch ein: Auswirkung der Diversifikation von Gas-Transportkanälen sei es auch, «den Anteil des aus der Ukraine transportierten Gases zu reduzieren». Laut Müller erhöhen mehr Transportwege für das Gas die Versorgungssicherheit in Europa.

Der Westen sieht das anders. Man will Europa den russischen Machtspielen nicht aussetzen und eine Schwächung der Ukraine verhindern. Müller nervt diese Argumentation. Der studierte Politologe mahnt zur Versachlichung. Ein Szenario, wonach Moskau der Ukraine bei politischen Verwerfungen den Gas-Hahn zudrehen werde, sei pure Angstmacherei und entbehre jeglicher Grundlage: «Das suggeriert, die Menschen in der Ukraine müssten frieren, wenn es Moskau so entscheidet. Das ist falsch. Die Ukraine wird für den Eigenbedarf seit 2015 ohnehin komplett vom Westen mit Gas versorgt.»

Schwächung Europas um jeden Preis

Aussenpolitisch betrachtet, ist Nord Stream 2 für Deutschland ein Scherbenhaufen. Davon ist der Russland-Experte Jörg Himmelreich überzeugt. Die Beteuerungen von russischer Seite, mit dem Projekt die Ukraine nicht isolieren zu wollen, seien leere Versprechungen, ist der 59-Jährige überzeugt: «Russland will mit Nord Stream 2 das Territorium der Ukraine umgehen.» Die Ukraine soll derart geschwächt werden, dass das Land hilflos in das Einflussgebiet des Kreml falle. Die steigende Abhängigkeit von russischem Gas sei für Europa insgesamt gefährlich, sagt Himmelreich, der einst im Auswärtigen Amt in Berlin arbeitete.

Himmelreich kritisiert die Politik der Bundesregierung scharf. Europa habe sich darauf geeinigt, sich künftig bei der Gas-Versorgung von allzu starkem russischen Einfluss zu lösen, Berlin hingegen torpediere mit Nord Stream 2 diese Politik, da sich Deutschland als wichtigster Gas-Importeur für Europa den russischen Machtspielen ausliefere.

«Berlin hat sich starrköpfig in eine Sackgasse befördert und versucht abermals, einen eigenen Weg – nun in der Energiepolitik – zulasten Europas durchzusetzen. Gegen die überwältigende Mehrheit in der EU verfolgt Berlin in dieser Frage die Strategie eines ‹Germany First›.»

Indem die Bundesregierung das für den russischen Präsidenten Wladimir Putin so wichtige Projekt mittrage, unterstütze diese auch indirekt die «von Revisionismus geprägte Politik des Kreml-Herrschers und sein korruptes Regime der Geheimdienste», meint Himmelreich und fügt hinzu: «Putin sinnt gegenüber dem Westen noch immer auf eine Korrektur der Macht in Europa für die nach Putins Meinung erlittenen Demütigungen nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion.»

Putin verfolge eine Schwächung Europas um jeden Preis. Eine zu starke Konzentration in der Energiepolitik sei daher gefährlich, mahnt Himmelreich. Dass sich der Projektentwickler Nord Stream 2 ausgerechnet die Schweiz für den Hauptsitz ausgesucht hat, verwundert Himmelreich nicht. «Russische Oligarchen nehmen gerne die sicheren und steuerlich interessanten Anlagemöglichkeiten in der Schweiz wahr.»

In Lubmin arbeiten 40 Mitarbeiter daran, dass das russische Gas Ende Jahr an der Ostseeküste durch die Rohre strömt. Ein Arbeiter wundert sich über das so rege Medieninteresse aus aller Welt. Die politischen Hintergründe blende er aus, sagt er: «Aber es ist schon ungewöhnlich, wenn deine Baustelle permanent in den Medien ist.»

Jens Müller wird bis dahin noch viele Male in seine alte Heimat reisen, um Besuchergruppen und Journalisten über die Baustelle zu führen. Er wird dann wieder geduldig alle Fragen beantworten. In der Hoffnung, die Angst vor dem russischen Gas zerstreuen zu können. Nur eine Frage lässt er offen. Ob Wladimir Putin bei der Eröffnungszeremonie in Lubmin dabei sein werde. Müller lacht: «Darüber reden wir später.»

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