Malaysia

Mordfall von Kim Jong Nam: Die Bardame mit der Giftspritze

Unter Verdacht: Siti Aisyah soll Kim Jong Nam getötet haben.

Unter Verdacht: Siti Aisyah soll Kim Jong Nam getötet haben.

Der Halbbruder des nordkoreanischen Diktators Kim Jong Un wurde mit dem Nervengift VX getötet.

Kim Jong Nam, der Halbbruder des nordkoreanischen Diktators Kim Jong Un, ist mit dem Nervengift VX ermordet worden. Malaysische Ermittler haben im Gesicht und in den Augen des Toten Rückstände der hochgiftigen Substanz gefunden, die auch als Chemiewaffe eingesetzt wird. Das teilte die malaysische Polizei am Freitag mit. Der 45-jährige Kim Jong Nam war am 13. Februar am Flughafen von Kuala Lumpur ermordet worden. Die Polizei verdächtigt zwei nordkoreanische Agentinnen, den in Ungnade gefallenen Halbbruder in staatlichem Auftrag vergiftet zu haben. Beweise dafür gibt es keine.

Laut einem Bericht der britischen Tageszeitung «The Telegraph» haben die malaysischen Ermittlungsbehörden sechs Verdächtige im Visier, die von einem Geheimdienstagenten rekrutiert worden sein sollen. Dean Thi Huong, eine vietnamesische Staatsbürgerin, wurde vergangene Woche in der Abflughalle verhaftet. Die indonesische Staatsbürgerin Siti Aisyah, wurde tags darauf in Polizeigewahrsam genommen. Eine dritte Person, bei der es sich offenbar um Aisyahs Freund handeln soll und die in das Attentat involviert gewesen sein soll, wurde vernommen. Allerdings konnte die Polizei dem Mann nichts nachweisen.

Hausfrau, Textilarbeiterin, Masseuse

Indonesische und malaysische Medien fragen sich derweil, wer Siti Aisyah, eine 25-jährige Frau aus der westjavanischen Stadt Serang, wirklich ist. Hat sie Verbindungen zum Geheimdienst? Bilder zeigen eine junge Frau mit etwas rundlichem Gesicht und Pony. Sieht so eine Mörderin aus? Ihre Identität ist nicht zweifelsfrei geklärt. Passdokumente weisen sie als «Siti Aisah» mit Geburtsdatum 1. November 1989 aus – sie wäre damit älter. Als Beruf ist auf den Papieren «Hausfrau» vermerkt. Die junge Frau schuftete zunächst in einer Textilfabrik im indonesischen Tambora, wo Frauen unter erbärmlichen Bedingungen Kleider nähen.

Nach der Scheidung 2012 zog sie in die malaysische Hauptstadt Kuala Lumpur. Dort arbeitete sie Berichten zufolge als Masseuse in einem Spa und in einem Nachtklub. Ihrer Mutter soll sie regelmässig Geld nach Hause geschickt haben. Freunden und Familien erzählte sie, dass sie in einer nordkoreanischen TV-Produktion mitspiele. Details nannte sie nicht, doch der Dreh sollte in Nordkorea stattfinden. Bevor sie aufbrach, bat sie ihre Mutter, für sie zu beten. Was genau sie vorhatte, wusste niemand aus ihrem engsten Freundes- und Familienkreis.

100 Dollar für einen Mord

Irgendwann, berichtet die indonesische Zeitung «Kumparan», soll sie ein mysteriöser Mann in einem Nachtklub in Kuala Lumpur angesprochen haben und ihr umgerechnet 100 Dollar für einen Mordanschlag offeriert haben. Aisyah hielt das für einen Scherz. In derartigen Etablissements tauchen hin und wieder Halbstarke auf, die grosse Töne spucken. Doch es war ernst. Die junge Frau willigte in den Deal ein, weil sie das Geld brauchte, wie es heisst, obwohl sie nicht wusste, wer Kim Jong Nam und die anderen Komplizen waren.

Wurde in einer schummrigen Bar in Kuala Lumpur ein Mordkomplott geschmiedet? Spricht der nordkoreanische Geheimdienst Damen an der Theke an, um einen Nebenbuhler auszuschalten? Das klingt alles reichlich unprofessionell. Gehen so Geheimdienste vor? Der britische Geheimdienstexperte Anthony Glees, der Autor zahlreicher Bücher ist und an der University of Buckingham lehrt, sagt im Gespräch mit der «Nordwestschweiz»: «Wir wissen, dass es 2012 schon einmal einen Anschlagsversuch auf Kim Jong Nam gab. Das heisst, er war bedroht. Er muss also Misstrauen gegenüber koreanischen Personen gehegt haben. Malaien sehen jedoch nicht wie Nordkoreaner aus, deshalb ergibt es Sinn für den nordkoreanischen Geheimdienst, Nichtkoreaner zu rekrutieren, die unauffälliger operieren können. Wir müssen davon ausgehen, dass nordkoreanische Agenten Malaysier gezielt rekrutierten.» Für einen Giftmord seien keine bestimmten Fähigkeiten notwendig, und die Auftragskiller müssten sich ihrer Tat auch nicht einmal bewusst gewesen sein, so Geheimdienstexperte Glees.

«Ein abgefeimter Plan»

Hat man den Erfüllungsgehilfen verschwiegen, dass das «Chloroform» in Wirklichkeit toxisch ist? Der Sicherheitsexperte Joseph Fitsanakis, Politikprofessor an der Coastal Carolina University, hält das Vorgehen für hochprofessionell. «Man muss bedenken, dass bei Operationen dieses Kalibers typischerweise eine grosse Zahl von Agenten involviert sind, manchmal bis zu 30. Was die Öffentlichkeit beim Mord von Kim Jong Nam gesehen hat, war nur der finale Teil eines abgefeimten Planes.» Es müssten also noch viel mehr Personen involviert gewesen sein.

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