Spektakuläre Erkenntnis nach einem Raubüberfall: Beim Täter-Trio handelt es sich um ehemalige, untergetauchte Mitglieder der Terrororganisation «Rote Armee Fraktion» (RAF).

Der Raubüberfall ereignete sich am 6. Juni 2015 auf dem Gelände eines Supermarktes in einer Kleinstadt südlich von Bremen. Ein mit rund einer Million Euro beladener Geldtransporter wollte gerade wegfahren, als er von einem weissen VW Bus daran gehindert wurde.

Aus dem VW-Bus stiegen zwei Personen, eine mit einer Schnellfeuerwaffe, die andere mit einer Panzerfaust bewaffnet. Eine dritte, ebenfalls mit einem Gewehr bewaffnete Person näherte sich dem Geldtransporter von einem Parkplatz her.

Die beiden Insassen des Geldtransporters aktivierten das Sicherheitssystem, worauf sich die gepanzerten Türen nicht mehr öffnen liessen. Einer der Täter gab drei Schüsse auf den Transporter ab. Die maskierten Täter brachen ihr Vorhaben nach wenigen Minuten ab und flüchteten.

Der Fluchtwagen wurde knapp zehn Tage später in einem nahe gelegenen Waldstück gefunden.

DNA-Spuren gehören Terroristen

Seit gestern lassen nun pikante neue Erkenntnisse die Tat in einem neuen Licht erscheinen: Die im Fluchtfahrzeug sichergestellten DNA-Spuren stimmen mit den genetischen Fingerabdrücken der seit Jahrzehnten untergetauchten Ex-RAF-Terroristen Ernst-Volker Staub (heute 61), Burkhard Garweg (47) und Daniela Klette (57) überein.

Die drei gehörten der dritten Generation der RAF an, die sich 1984 im Untergrund formiert hatte. Ihr werden Taten mit insgesamt zehn Todesopfern und 29 Verletzten zur Last gelegt, darunter die Morde an Deutsche-Bank-Chef Alfred Herrhausen, Siemens-Manager Karl Heinz Beckurts und Treuhand-Chef Detlev Karsten Rohwedder.

Auch an einem schweren Sprengstoffanschlag 1993 auf eine Justizvollzugsanstalt in Hessen waren die nun wieder aktiven Ex-RAF-Mitglieder aktiv beteiligt. Damals aus Haaren gewonnene DNA-Spuren stimmen mit Garweg, Staub und Klette überein. Doch von 22 bekannten, bis 1993 begangene Taten liessen sich nur zwei aufklären. Hintergründe weiterer Morde und Anschläge bleiben bis heute im Dunklen.

Der RAF-Experte Michael Sontheimer sieht – wie die Staatsanwaltschaft – beim Raubüberfall von 2015 keine Indizien für einen terroristischen Hintergrund. Den unter falschen Identitäten lebenden Aktivisten sei ziemlich sicher ganz einfach das Geld ausgegangen: «Die Tat im letzten Jahr war wohl ein gescheitertes Rentenbeschaffungsprogramm ehemaliger RAF-Leute.»

Das Trio tritt im Zusammenhang mit Raubüberfall nicht zum ersten Mal in Erscheinung. Zumindest Klett und Staub hatten im Juni 1999 schon einmal zugeschlagen – damals mit Erfolg. Ebenfalls mit Panzerfaust und Schnellfeuerwaffe bewaffnet, überfielen sie einen Geldtransporter und erbeuteten über eine Million Mark.

Unerkannte Waffendepots

Woher die drei Ex-Terroristen die Waffen hatten und wie es sein konnte, dass sie trotz bundesweiter Suche untertauchen konnten – RAF-Experte Sontheimer erstaunt das wenig. Die drei würden auf ihre damals im Untergrund erworbenen Kenntnisse zurückgreifen. Zudem verfüge die RAF vermutlich über mehrere unerkannte Waffendepots in Deutschland.

Über die dritte RAF-Generation ist wenig bekannt. Sontheimer schätzt ihre Grösse auf etwa zehn Leute, möglicherweise war der Kreis aber auch grösser. «Was ich erstaunlich finde ist, dass sich die Leute unter falscher Identität offenbar über all die Jahre in Deutschland aufgehalten haben – oder dass sie zumindest unerkannt für ihre Raubüberfälle nach Deutschland einreisen konnten.»