US-Wahlen

Mit extra-langer Ansprache: Warum Trump glaubt, eine zweite Amtszeit zu verdienen

In einer 71 Minuten dauernden Rede hat Präsident Donald Trump am Donnerstag im Weissen Haus in Washington dargelegt, warum er eine zweite Amtszeit verdiene. Die Ansprache allerdings fiel flach.

Immerhin: Die Inszenierung war gelungen. Als Donald Trump am Donnerstag zum Abschluss des Parteitags seiner Republikaner eine programmatische Rede hielt, befand sich sein Podium vor der ikonischen Süd-Fassade des Weissen Hauses in Washington. Zu den Klängen von «I am proud to be an American», einem Country-Schlager von Lee Greenwood, trat Trump zusammen mit seiner Gattin Melania aus dem Weissen Haus und schritt die Stufen beim «Truman Balcony» herunter. Dann dankte der Präsident seiner ältesten Tochter Ivanka, die vor rund 2000 Gästen – die übrigens viel zu nahe beieinander sassen – einige einleitende Worte über ihren Vater gesagt hatte. Dabei zeigte sich einmal mehr, dass die 50-jährige Melania mit der 38-jährigen Ivanka nicht auf gutem Fuss steht.

Trump dankte den anwesenden Abgeordneten, Delegierten und Gästen für ihren warmen Applaus und erklärte auch noch offiziell, dass er die Nomination zum Präsidentschaftskandidaten annehme. Hätte er zu diesem Zeitpunkt einige Worte gesagt und sich dann wieder ins Weisse Haus zurückgezogen, dann wäre der Abend wohl ein Erfolg gewesen.

Trump machte sich aber dazu auf, eine 71 Minuten lange Rede zu halten, die in der vorbereiteten Form fast 5700 Worte lang war. Sein Kontrahent Joe Biden beschränkte sich vorige Woche am Parteitag der Demokraten auf 25 Minuten. Hätte diese Ansprache einen klaren thematischen Aufbau gehabt, wäre diese Länge sicherlich ertragbar gewesen – aber den Redenschreibern gelang es nicht, einen grossen Bogen zu spannen. Und Trump hat die Kunst, eine Rede von einem Monitor abzulesen, immer noch nicht gemeistert. So verhaspelte er sich immer wieder, als er schwierige Worte oder Namen aussprechen musste.

Harte Kritik an Kontrahent Biden

Also begann der Präsident um 22.24 Uhr die Zuhörer davor zu warnen, was bei der Wahl am 3. November auf dem Spiel stehe: Der amerikanische Traum. Er verband dies mit einer Lobeshymne auf den Zustand des Landes und seine Verdienste in den vergangenen dreieinhalb Jahren. Dann kritisierte er seinen Kontrahenten in harschen Worten. Joe Biden, sagte der Präsident, sei nicht der selbsternannte Retter der amerikanischen Seele. «Er ist der Zerstörer von Amerikas Jobs, und, falls er eine Chance bekommt, der Zerstörer von Amerikas Grossartigkeit.»

So ging es zäh weiter. Trump lobte sich dafür, dass er seine Wahlversprechen gehalten habe. So habe er «Big Pharma», den führenden Medikamentenherstellern, in die Knie gezwungen. Auch habe er die amerikanische Botschaft in Israel nach Jerusalem verlegt. Bidens Bilanz als Berufspolitiker hingegen sei «katastrophal». Und die Menschen, die unter der Politik des ehemaligen Senators und Vizepräsident gelitten hätten, könnten mit Bidens oft gelobtem Einfühlungsvermögen nichts anfangen. «Sie wollen ihre Jobs zurück.»

Präsident Donald Trump sprach 71 Minuten lang.

Präsident Donald Trump sprach 71 Minuten lang.

Hin und her, ging es weiter. Trump lobte sein Politik gegenüber China. Er stehe für «Made in America» ein, sagte der Präsident. Dann kritisierte er Biden dafür, dass er sich angeblich sämtliche Ideen des linken Senators Bernie Sanders zu eigen gemacht habe. «Er ist das trojanische Pferde für den Sozialismus», sagte der Präsident, während er für eine gottesfürchtige Politik verfolge.

Trump versprach der amerikanischen Bevölkerung, dass er sich für «Recht und Ordnung» einsetzen werde. Biden hingegen sei schwach. Trump lobte sich für die Arbeit seiner Regierung in der Coronapandemie, als sei die Krise bereits zu Ende. Und kritisierte den demokratischen Kontrahenten dafür, dass er angekündigt habe, wieder einen Lockdown zu verhängen, sollte sich das Virus wieder sprunghaft im Land verbreiten.

«Four more years», schreit das Publikum

Das Publikum klatschte, und unterbrach den Präsidenten ab und zu mit dem Sprechgesang «Four more years», vier weitere Jahre. Am meisten Applaus erhielt Trump aber, wenn er improvisierte. So behauptete der amerikanische Präsident erneut, dass sein Vorgänger im Weissen Haus, der Demokrat Barack Obama, ihn im Wahlkampf 2016 ausspioniert habe. Dafür gibt es aber keine Beweise. Ab und zu allerdings funktionierten selbst diese Improvisationen nicht, mit denen der Präsident im Wahlkampf 2016 jeweils seine Anhänger anheizte. So lobte sich Trump für die «tiefe Benzin-Rechnungen», als ob man an einer Tankstelle nicht mit Bargeld oder Kreditkarte bezahlt.

Als die Rede eine halbe Stunde vor Mitternacht endlich zu Ende war, zeigten sich gar die Kommentatoren auf dem Nachrichtensender «Fox News Channel» erleichtert darüber. Die Show war damit aber noch nicht zu Ende. Beim prächtigen Washington Monument, erstellt zu Ehren des amerikanischen Gründungspräsidenten, schossen die Republikaner Feuerwerkskörper in den Himmel der Hauptstadt. Wie gesagt: Die Inszenierung war gelungen.

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