Vitor tritt kräftig in die Pedale, obwohl sein Fahrrad mit einem Elektromotor unterstützt ist. Doch die Fracht wiegt mehrere hundert Kilo, verteilt in zwei Anhänger. Und der gebürtige Brasilianer muss ausgerechnet bei Nieselregen zu einem Kunden radeln, der sein Fahrzeug in dem ansonsten so flachen Berlin oben auf dem Prenzlauer Berg geparkt hat.

Vitor nimmt es gelassen. Kurierdienste fährt der 26-Jährige seit Jahren, nicht selten auch bei Kälte und Schneefall. Da erscheinen 19 Grad und etwas Regen gerade angenehm. Dass er nun Strom durch die Gegend fährt anstatt Pizza, findet Vitor originell. Er sagt:

Wachsender E-Auto-Markt

Vitor ist einer von 30 Mitarbeitern des Berliner Start-ups «Chargery». Gegründet wurde die GmbH im August 2017 von drei jungen Männern, die heute zwei Büroräumlichkeiten in den hippen Bezirken Mitte und Prenzlauer Berg unterhalten. Eines davon ist die Schaltzentrale, das andere die Werkstatt und Ort, wo die Akkus aufgeladen und die Fahrräder der Kuriere geparkt werden.

Christian Lang, 32, ehemaliger Mitarbeiter von Audi, abgeschlossenes BWL-Studium und einer der drei Mitgründer von «Chargery», empfängt im «Head-Office», wie er es nennt, in einer Seitenstrasse im Prenzlauer Berg. Am Besprechungstisch gibt es Club Mate, ein koffeinhaltiges Süssgetränk, das mindestens so trendy ist wie die Gegend hier.

Weisses Hemd, akkurat gestutzter Bart, Brille, freundliches und selbstbewusstes Auftreten. Der Süddeutsche wirkt zufrieden. Seine Velokuriere laden die Akkus von bis zu 25 Elektrofahrzeugen pro Tag. Dazu gibt es auf Wunsch eine Fahrzeug-Innenreinigung, manchmal füllt der Kurier das Scheibenwischerwasser auf oder prüft den Reifendruck.

Der Betriebswirt kennt die Ziele der Bundesregierung, bis 2020 eine Million Elektroautos auf die Strasse zu bringen. Lang weiss auch, dass im Januar 2019 erst 83 175 reine Elektrofahrzeuge in Deutschland registriert waren. Er sagt:

Man muss kein BWL-Studium abgeschlossen haben, um dem 32-Jährigen recht zu geben. Deutschland muss in den nächsten Jahren bis zu zehn Millionen E-Autos auf die Strasse bringen, um die Klimaziele bis 2030 im Verkehrssektor zu erreichen. Zu den Kunden von Chargery zählen vor allem Car-Sharing-Unternehmen wie das zu Daimler gehörende Share Now und Sixt. Berlin hat in Deutschland die höchste Rate an Elektrofahrzeugen, auf 1000 Autos kommen etwa 4 rein elektrisch betriebene Wägen. Doch die 400 Ladestationen in der Stadt sind ungleich verteilt. Ist der Akku leer, kann das zum Problem werden.

Warum nicht auch in Zürich?

Die drei Chargery-Gründer - neben Christian Lang ist das ein heute 35-jähriger Maschinenbauingenieur und ein 28 Jahre alter Wirtschaftswissenschaftler – kennen sich aus früheren Tagen und hörten von einem Benzin-Lieferdienst für die Luxus-Marke Bentley. Benzinmotoren sind Auslaufmodelle, aber E-Fahrzeuge sind die Zukunft, dachten sich die drei. Die Idee des Stromkuriers war geboren.

Chargery lädt den Kunden nicht nur die Batterien auf und macht auf Wunsch den Wagen sauber, das Start-up hat auch eine Software entwickelt. Diese entscheidet, ob es sich lohnt, das Fahrzeug per Kurier aufladen zu lassen oder ob es eine Ladestation in der Nähe gibt. Laut Lang bleibt der Fokus auf Car-Sharing-Unternehmen, private E-Auto-Besitzer hat man noch nicht im Visier.

Wenn Lang erzählt, reichert er seine Sätze gerne mit englischen Ausdrücken an. «Share Now hat round about 2500 Autos, 150 davon sind E-Autos», sagt er einmal. Bedeckt hält er sich allerdings, wenn es um Zahlen geht. Umsatz, Preis für eine Akkuladung, darüber spricht er nicht. «Es wäre vermessen zu glauben, dass wir schon profitabel sind», hält er sich bedeckt.

Unterstützung erhält Chargery unter anderem von der Schweizer Versicherung Helvetia, die mit ihrem Venture Fund in Start-up investiert. Chargery soll weiterwachsen, dafür haben die Unternehmer weitere Städte im Blick. In Hamburg und München hat Chargery schon einen «City-Manager» installiert, wie Lang sagt. Auch Wien könne interessant werden, und warum nicht Zürich?

Vitor hat seinen Anhänger vor dem Fahrzeug des Kunden geparkt, das Ladekabel von seinem Anhänger mit dem BMW des Car-Sharing-Unternehmens verbunden. Etwa drei Stunden dauert der Ladevorgang, Vitor putzt den Mietwagen heraus, dann radelt er zurück in die Werkstatt. Der Anhänger bleibt so lange stehen, er ist fest verschlossen und kann nicht geklaut werden. Es regnet nun etwas heftiger. Doch Vitor verliert seine gute Laune nicht. «Solange man sich bewegt, sind Kälte und Nässe kein Problem.»