Japan

Mit Charisma gegen Atomstrom: Japans neuer Umweltminister könnte Premier Shinzo Abe gefährlich werden

Shinjiro Koizum, 38, ist seit Mittwoch japanischer Umweltminister.

Shinjiro Koizum, 38, ist seit Mittwoch japanischer Umweltminister.

Shinjiro Koizumi, 38, ist zudem einer von wenigen Japanern, die den Vaterschaftsurlaub befürworten. Er könnte die politische Landschaft des Inselreichs auf Jahre hinaus prägen.

Als «aufgehenden Stern» bezeichnen ihn die grössten Zeitungen des Landes. Eine ungewohnte Bezeichnungen für einen Mann, der gerade seinen ersten Ministerposten bekleidet, zumal im eher politikverdrossenen Japan. Aber zu Shinjiro Koizumi, 38, passt sie. Schliesslich wurde der Nachwuchspolitiker in einer Umfrage im Mai zum beliebtesten Kandidaten als nächster Premierminister erklärt. Ganz Japan blickt mit Spannung auf seinen neuen Politstar.

Der amtierende Premier Shinzo Abe hat Shinjiro Koizumi vergangene Woche zum Umweltminister ernannt. Dass der gutaussehende, charismatisceh und mit einer spitzen Zunge gesegnete Jung-Politiker mehr Verantwortung übernehmen soll, hat eigentlich niemanden gross überrascht. Auch deshalb nicht, weil er als Sohn des Ex-Premiers Junichiro Koizumi aus einer angesehen Politiker-Familie kommt. Bis Koizumi junior, der 2009 seinen Wahlkreis vom Vater erbte und seitdem im Parlament sitzt, endlich in die oberste Politikerriege aufsteigen würde, galt eigentlich bloss noch als eine Frage der Zeit.

Und trotzdem: Dass diese Beförderung gerade jetzt geschah, ist eine politische Sensation. Japan ist eine altershierarchisch organisierte Gesellschaft, insbesondere die Politik ist dafür verschrien, junge Stimmen zu überhören. Shinjiro Koizumi ist mit seinen 38 Jahren der drittjüngste Minister der Nachkriegsgeschichte des Landes. Und trotz konservativer und teils nationalistischer Einflüsse ist Koizumi schon mehrmals durch seine moderne Weltsicht aufgefallen.

Frauen sollen Mädchennamen behalten können

Koizumi ist nach dem Atom-GAU von Fukushima 2011 zu einem erklärten Gegner der Atomenergie geworden. Nach seiner Benennung zum Umweltminister erklärte er: «Ich werde herausfinden, wie man Kernkraftwerke abreissen kann, anstatt sie weiter zu behalten.» Das war eine klare Botschaft an den Premierminister, einen erklärten Befürworter der Atomenergie.

Koizumi hat in New York studiert, in Washington DC für einen Think Tank gearbeitet und ist liiert mit der populären Nachrichtensprecherin Christel Takigawa, mit der er Anfang nächsten Jahres ein Kind erwartet. Zuletzt kündigte er an, dann in Vaterschaftszeit gehen zu wollen, was in Japan für reichlich mediales Aufsehen sorgte. Gerade mal sechs Prozent der Japaner gönnen sich einen Vaterschaftsurlaub. Zudem forderte er, dass Frauen künftig doch die Möglichkeit haben sollten, nach einer Eheschliessung ihren Mädchennamen zu behalten.

Für Premier Shinzo Abe ist die Beförderung Koizumis in die Regierung dennoch ein geschickter Zug. Mit Shinjiro Koizumi im Regierungskabinett signalisiert Abe nun so etwas wie Dialogbereitschaft, was nicht nur ins Parlament, sondern auch bis ins Wählervolk strahlen soll. Und dessen Unterstützung braucht er für sein grosses politisches Projekt. Abe will die japanische Verfassung umschreiben lassen, die nach dem Zweiten Weltkrieg von den USA vorgeschrieben wurde und dem Land unter allen Umständen die Kriegsführung verbietet. Artikel 9, der dem Land theoretisch auch verbietet, eine Armee zu haben, würde Abe am liebsten streichen. Er ist der Auffassung, dass Japan eine neue Verfassung ohne fremddiktierte Elemente benötige, um ein wirklich autark agierender Staat zu sein.

Die aggressive Expansionspolitik Chinas und die Unberechenbarkeit Nordkoreas kommen Abes Vorhaben zwar zupass. Trotzdem gestaltet sich die Sache seit Jahren schwierig. Für eine Verfassungsänderung bräuchte Abe Zweidrittelmehrheiten in beiden Kammern des Parlaments sowie eine einfache Mehrheit bei einem Volksentscheid. Derzeit verfügt er nur in einer Kammer über die nötigen Verhältnisse. Zudem wollen laut Umfragen 56 Prozent der Japaner die aktuelle Verfassung beibehalten.

Premier Abe versucht, sich neu zu erfinden

Abe testet mit Koizumis Ernennung eine neue Taktik. Mehr Dialog, weniger kompromissloses Pressing. Mit Letzterem war er in Vergangenheit immer wieder aufgefallen. Ein Sicherheitsgesetz mit Gefängnis bestraft, drückte er ebenso gegen den politischen Widerstand durch wie eine Neuinterpretierung der Verfassung. Demnach dürfen Japans Selbstverteidigungskräfte nun zur Waffe greifen, sofern die nationale Sicherheit Japans oder die eines strategischen Partners gefährdet ist.

Und dann ist da – wie angetönt – die heisse Debatte um die Zukunft des Atomstroms. Seit dem Reaktor-Gau von Fukushima ist die Mehrheit der Öffentlichkeit gegen eine weitere Nutzung der Kernkraft. Shinzo Abe hält an ihr fest. Mit Shinjiro Koizumi als Umweltminister muss er sich aber im Umgang mit Atommüll und dem Reaktorrückbau mit einem Mann auseinandersetzen, der klar anderer Meinung ist – und der dafür von der Gesellschaft geschätzt wird.

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