Syrien

Mindestens 150 Tote bei mutmasslichem Giftgasangriff auf Ost-Ghuta

Nach Luftangriffen der syrischen Armee steigt über der Stadt Duma in Ost-Ghuta Rauch auf. Die Armee soll bei den Angriffen, die Dutzende Tote forderten, erneut Chemiewaffen eingesetzt haben.

Nach Luftangriffen der syrischen Armee steigt über der Stadt Duma in Ost-Ghuta Rauch auf. Die Armee soll bei den Angriffen, die Dutzende Tote forderten, erneut Chemiewaffen eingesetzt haben.

Bei Angriffen der syrischen Armee auf die letzte verbliebene Rebellenhochburg in Ost-Ghuta sind Dutzende Menschen getötet worden. Hilfsorganisationen berichteten in der Nacht zum Sonntag von einem mutmasslichen Einsatz von Chemiewaffen.

Um 20.22 Uhr Ortszeit sollen Hubschrauber der syrischen Armee eine mit chemischen Waffen gefüllte Fassbombe auf die Rebellenhochburg Douma abgeworfen haben. Ganze Familien seien dabei in der Nacht zum Sonntag in ihren Schutzräumen «zu Tode vergast worden», berichten die mit den islamistischen Aufständischen verbündeten «Weissen Helme». Die Hilfsorganisation hatte das mutmassliche Massaker dokumentiert und Bilder röchelnder Kleinkinder sowie andere schockierende Fotos sofort ins Internet gestellt. Die «Weissen Helme» wollten Chlorgas gerochen haben, glauben, wie es heisst, aber fest an den Einsatz des Nervengases Sarin.

Es handle sich um eine «der schlimmsten Attacken in der syrischen Geschichte», sagte Ghanem Tayara vom Rebellen-nahen Hilfsbündnis «Union of Medical Care and Relief Organizations» (UOSSM). Mindestens 80, nach anderen Quellen bis zu 150 Menschen seien bei den Gasangriffen ums Leben gekommen. Die mehr als 200 Verletzten zeigten eine bläuliche Verfärbung der Haut, welche bei C-Waffen-Angriffen häufig zu beobachten sei.

Moskau wittert Verschwörung

Überraschend kamen die Attacken nicht. Bereits vor vier Wochen hatte das russische Aussenministerium verkündet, dass man in den Vororten von Damaskus mit «Chemiewaffenangriffen zur Rechtfertigung amerikanischer Vergeltungsangriffe» rechne. Die Anschuldigungen wurden erst am letzten Freitag, also 24 Stunden vor den mutmasslichen Giftgasbombardements, vom Moskauer Verteidigungsministerium wiederholt. Die «Armee des Islam» plane Angriffe mit Chlorgas, um diese dann den Regierungstruppen in die Schuhe zu schieben.

Wirklich stichhaltige Beweise für ihre «These» lieferten die Russen nicht. Militärischen Sinn, glauben Militärexperten im Libanon, machten Giftgasangriffe zum gegenwärtigen Zeitpunkt aber nicht, da die hochüberlegene syrische Armee ihre Kriegsziele auch mit konventionellen Mitteln durchsetzen könnte. Die Rebellen in Ost-Ghuta stünden bekanntlich vor einer Niederlage und verbreiteten daher Lügen, hiess es auch in den syrischen Staatsmedien, die den Einsatz von Giftgas vehement bestritten.

US-Antwort nicht ausgeschlossen

Auch in Washington scheint man sich noch nicht im Klaren darüber zu sein, was genau in der Nacht zum Sonntag in Ost-Ghuta geschehen ist. Man werde die beunruhigenden Berichte über den Einsatz von Chemiewaffen in Syrien genau prüfen und handeln, wenn sich diese bestätigen sollten. Eine sofortige Antwort der internationalen Staatengemeinschaft sei «dann gefordert», betonte eine Regierungssprecherin. Ob damit ein amerikanischer Alleingang gemeint war, liess sie zunächst offen.

Als Reaktion auf einen noch immer nicht vollständig aufgeklärten Gasangriff auf die Ortschaft Chan Scheichum im Norden Syriens, bei dem vor genau einem Jahr bis zu 100 Menschen ums Leben kamen, hatte Donald Trump einen Lenkwaffenangriff auf einen syrischen Luftwaffenstützpunkt bei Homs angeordnet. Auch am Sonntag deutete der amerikanische Präsident eine Bestrafung von «Assad, diesem Tier», an. Auch Iran und Russland würden für ihre Unterstützung des Syrers zur Rechenschaft gezogen, müssten einmal einen «grossen Preis» für ihre Schandtaten bezahlen.

Wirklich konkret wurde Trump, der erst vor wenigen Tagen sein Desinteresse an einem weiteren militärischen Engagement in Syrien signalisiert hatte, freilich nicht. In seinem Tweet sprach sich der Amerikaner auch für eine Aufhebung der Blockade der Stadt Douma sowie eine «Verifizierung» des Massakers aus – was zunächst gegen ein sofortiges militärisches Handeln spräche.

Denn Vergeltungsschläge gegen das Assad-Regime wären hoch riskant. In seinen vor einem Monat veröffentlichten Warnungen vor neuen Giftgasangriffen in Syrien hatte das russische Verteidigungsministerium deutlich gemacht, dass man im Falle amerikanischer Militärschläge gegen Syrien nicht untätig bleiben und zurückschlagen werde.

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