Pandemie

Millionen Tote befürchtet: Flüchtlingslager sind mit der Coronakrise heillos überfordert

Nicht gerüstet: Das Flüchtlingslager Moria auf Lesbos.

Nicht gerüstet: Das Flüchtlingslager Moria auf Lesbos.

Amnesty International fordert, dass die Schweiz schnell helfen und Flüchtlinge aufnehmen muss.

Es ist ein Szenario des Grauens, das schon bald Realität werden könnte: Eine Ausbreitung der Coronapandemie in Flüchtlingslagern von Lateinamerika über Afrika und den Nahen Osten bis nach Südasien könnte nach Einschätzung von Experten weltweit Millionen Tote zur Folge haben.

Zwar meldete das Flüchtlingshilfswerk UNHCR bis Ende März nur wenige bestätigte Covid-19-Fälle unter den rund 70 Millionen Menschen auf der Flucht. Eine verlässliche Erfassung der Infektionen in den überfüllten Flüchtlingslagern ist allerdings kaum möglich.

In den dicht bevölkerten Flüchtlingslagern findet das Virus ideale Voraussetzungen, um sich zu verbreiten. Distanzhalten ist hier kaum möglich. Im Aufnahmezentrum Moria auf der griechischen Insel Lesbos zum Beispiel fristen 20'000 Menschen auf engstem Raum ihr Dasein: Jeder Flüchtling hat hier gerade mal sechs Quadratmeter Platz für sich. 1300 Menschen teilen sich hier eine Wasserstelle.

Zelte dicht gedrängt

Auch in den informellen Camps im Libanon herrscht viel Gedränge. «Die Zelte stehen dicht an dicht. Meist leben fünf oder mehr Menschen in einem Zelt», sagt Beatriz Navarro, Landesdirektorin der Aktion gegen den Hunger, Libanon. Viele Kinder und ältere Menschen litten an Atemwegsinfektionen, ausserdem gebe es viele chronische Grunderkrankungen.

Die medizinische Versorgung ist vielerorts faktisch inexistent. In den Lagern Afrikas etwa, wo Millionen Menschen ausharren, fehlt es an allem: Masken für Helfer, Medikamente, Intensivbetten, Apparaturen. Laut der Weltgesundheitsorganisation ist die Zahl der Beatmungsgeräte in Afrika schlicht «unbekannt». Wie viele der lebensrettenden Geräte angesichts des globalen Engpasses nach Afrika gelangen werden, ist völlig offen. Und die wenigen Geräte, die in Afrika vorhanden sind oder noch geliefert werden, dürften kaum den Menschen in den Flüchtlingslagern zugutekommen.

Schweiz soll Flüchtlinge direkt aus griechischem Lager aufnehmen

Zwar rüstet das Flüchtlingshilfswerk UNHCR im Eiltempo die Camps für die Pandemie: Handwaschstellen werden installiert, Seife geliefert, Fieber gemessen. Hinter vorgehaltener Hand heisst es aus dem UNHCR jedoch, dass kein einziges Lager einen grossen Coronaausbruch bewältigen könnte.

Zumindest in Griechenland können einige Flüchtlinge auf Hilfe hoffen. Der Verein Mission Lifeline aus Dresden plant, für sie eine «Luftbrücke» zu errichten und rund 100 Mütter und Kinder nach Berlin zu bringen. Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International und linke politische Kreise fordern, dass auch die Schweiz aktiv wird und unverzüglich gefährdete Personen aus Flüchtlingslagern aufnimmt.

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