Was für ein Paar! Sie werden sich niemals kennenlernen, obwohl ihre Leben eng verknüpft sind. Er ist dabei, bei ihr Schicksal zu spielen, ihr Leben auf den Kopf zu stellen, wenn nicht zu ruinieren. Sie umgekehrt hat nicht den Hauch eines Einflusses auf ihn. Beiden wäre mit vertauschten Rollen wohl besser gedient. So wie er unterwegs ist, müsste er von ihr lernen. Vielleicht brächte das Manches ins Lot.

Stadtmoloch vs. Regenwald

Er ist Chinese und heisst Wang Jing (44) – Wang ist der Familienname. Sie ist eine Indigena aus Nicaragua und heisst Rachel (18), Familienname unbekannt. Wang lebt in einem Stadtmoloch mit ewigem Smog, sie im Regenwald, in einem Indiodorf am Strand.

Das nächste Shoppingcenter ist für Wang hundert Betonstockwerke tiefer mit dem Lift zu erreichen. Für Rachel mit einer Drei-Stunden-Bootsfahrt. Oder während fünfzehn Stunden Fussmarsch durch den Wald. Wang hat eine Tiefgarage unter den Füssen mit polierten Limousinen, Rachel Holzpfähle in einem matschigen Grund, wo Hühner picken, Schweine wühlen und ein Kapuzineraffe turnt an der Leine.

«Miss Monkey Point»

Wang ist hässlich, Rachel ist hübsch. Mit entzückendem Selbstvertrauen, frei von jedem Getue, nickt sie, als wir zu ihr «Miss Monkey Point» sagen, als ihre schlichte Bestätigung – man(n) erzählt ja nichts Neues. Wangs Selbstbewusstsein, sofern er je ein gesundes hatte, ist seit einigen Wochen erschüttert. Vor kurzem hatte er noch über zehn Milliarden Vermögen. Jetzt fühlt er sich vielleicht wie Rachel – mausarm.

Während des jüngsten Börsencrashs in China ist Wangs Vermögen um 84 Prozent geschrumpft. Das meldete die als seriös geltende «South China Morning Post». Vor dem Desaster führte ihn Forbes an zwölfter Stelle der weltweit 200 reichsten Männer. Jetzt dümpelt der Ärmste, mit bloss einer Almosen-Milliarde, unter den Ferner-liefen.

Wo Chinas Börse nicht hingelangt

Sein Lieblingsprojekt, der «interozeanische Kanal», dreimal länger als in Panama, womit er China zur Weltmacht vor den USA machen will (nebst ein paar Zusatz-Millärdchen), scheint sich im Dunst von Rachels Regenwald aufzulösen. Sie rang kurz nach Atem, als wir die Dose Bier, die sie im Nachbarhaus geholt hatte, mit drei Dollar beglichen. Das Bier war warm. In Rachels Dorf haben die meisten keinen Strom, keinen Kühlschrank. Auch kein Internet mit den neusten Hentais aus Japan und den neusten pornografischen Zahlen von Chinas Börse.

Eines haben Rachel und Wang Jing dennoch gemeinsam: Beide haben keinen Universitätsabschluss. Wang deswegen nicht, weil er die Uni abbrach, um in Peking und Hongkong Investment-Firmen zu gründen. Rachel nicht, weil es in Monkey Point zwar eine Primarschule gibt, aber für höhere Weihen ist der Weg zu lang.

Gegensätze, die sich nicht erklären lassen

Indes können keine Schulen, keine Akademie der Welt erklären, weshalb ein Chinese in wenigen Jahren ein Milliardenvermögen rafft – und eine kluge Frau am Rand der Karibik zur gleichen Zeit keinen Cent sparen kann.

Wang ist unverheiratet. Wird Rachel je Mrs. Wang? Weil der Tycoon eines Tages im Hubschrauber am Canal seinen neuen Containerhafen Monkey Point inspiziert? Das werden die Schlangengötter im Regenwald von Atlantico Sur zu verhindern wissen.