Seit Wochen rollen Panzer, Truppentransporter und mit Munition beladene Lastkraftwagen der Assad-Armee nach Norden. Ziel ist die an die Türkei grenzende Provinz Idlib, wohin sich die Verlierer des syrischen Bürgerkrieges zurückgezogen haben: Rund 80 000 Rebellen, von denen mehr als die Hälfte von dem Kaida-Ableger «Hayar Tahrir Al-Sham» kontrolliert werden.

Bei den Dschihadisten handle es sich um ein «eiterndes Geschwür», das «liquidiert» werden müsse, verkündete Russlands Aussenminister Sergej Lawrow am Mittwoch entschlossen.
Bereits letzte Woche hatte der amerikanische Sicherheitsberater John Bolton damit gedroht, im Falle eines erneuten syrischen Giftgasangriffes in Idlib «extrem hart» zu reagieren.

Ein solcher Angriff könnte von den Islamisten inszeniert werden, behauptete daraufhin das russische Verteidigungsministerium, das in den letzten zehn Tagen 17 mit Lenkwaffen ausgestattete Kriegsschiffe ins östliche Mittelmeer schickte.

Die Amerikaner ihrerseits brachten den Zerstörer «The Sulivans», der über 56 Tomahawk-Raketen verfügt, mehrere Kriegsschiffe mit Marschflugkörpern sowie zusätzliche B-1B-Bomber in Stellung.

Erst einmal Drohgebärden

Trotz der gewaltigen Militärpräsenz sei es aber kaum vorstellbar, dass «sich die beiden nuklearen Supermächte wegen Syrien auf einen neuen Krieg einlassen werden», betont der Nahostexperte Professor Günter Meyer.

Mit seinem beispiellosen Flottenaufmarsch wolle Putin Stärke gegenüber den drei westlichen Verbündeten demonstrieren, glaubt der Leiter des «Zentrums für Forschung zur arabischen Welt» an der Universität Mainz.

Laut Meyer sei mit einem von Russland unterstützten Frontalangriff der Assad-Armee auf die Provinz Idlib erst einmal nicht zu rechnen. Ziel sei, mit massivem militärischem Druck eine Verhandlungslösung, also die Kapitulation der Milizen, zu erreichen. Im Süden von Syrien war dies im Juli gelungen.

Tausende von Kämpfern wurden mit ihren Familien nach Idlib evakuiert, wo sie auch bleiben wollen – oder müssen: Denn die Türkei ist nicht bereit, radikalen Islamistenmilizen die Aufnahme zu gestatten.

Die Regierung in Ankara fürchtet zudem eine neue Flüchtlingswelle, welche durch eine von Russland unterstützte Grossoffensive der syrischen Armee in der Provinz Idlib zweifellos ausgelöst würde.

Türkei will Verhandlungslösung

Bis zu 2,5 Millionen Zivilisten könnten sich dann in Richtung Grenze bewegen, warnte UN-Generalsekretär Antonio Guterres vor einer «neuen humanitäre Katastrophe» im Norden Syriens.

Um sowohl an Moskau als auch an Damaskus ein politisches Zeichen zu senden, hatte die türkische Armee ihre Beobachtungsposten am Rande der Provinz Idlib mit Soldaten und militärischem Gerät ganz erheblich verstärkt. Auch die Truppenpräsenz entlang der Grenze wurde erhöht.

Gleichzeitig schickte Staatspräsident Erdogan seinen Aussenminister, den Verteidigungsminister sowie seinen Geheimdienstchef nach Moskau, um vor den Folgen «einer Katastrophe in Idlib» zu warnen. Die diplomatischen Anstrengungen scheinen sich ausgezahlt zu haben.

Schon am Montag wollen Staatspräsident Erdogan, Russlands Präsident Putin und der iranische Präsident Rohani im nordiranischen Täbris über die «syrische Nachkriegsordnung» sprechen. Ohne grünes Licht aus Moskau und Teheran, das ist sicher, wird Assad die Provinz Idlib nicht angreifen.