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Midnight Voting: Winzige US-Gemeinde entscheidet sich als erstes – mit überraschendem Ausgang

Les Otten (links) wirft den ersten Stimmzettel ein.

Les Otten (links) wirft den ersten Stimmzettel ein.

Seit den Sechzigerjahren wählen die Stimmberechtigten im Flecken Dixville Notch in New Hampshire als erste, kurz nach Mitternacht. Am frühen Dienstag entschieden sie sich – recht überraschend – für US-Präsidentschaftskandidaten Mike Bloomberg, den ehemaligen Stadtpräsidenten von New York.

Michael Bennet hätte sich die lange Reise nach Dixville Notch sparen können. Als einziger Präsidentschaftskandidat der Demokraten machte sich der Senator aus Colorado über das vergangene Wochenende in das Nest ganz im Norden des Bundesstaates New Hampshire auf, um dort um Stimmen zu werben. Zwar gaben sich vier der fünf registrierten Wähler die Ehre und hörten Bennet aufmerksam zu, als er sein Programm vorstellte.

Als Dixville aber in der Nacht auf Dienstag als erste Gemeinde zur Urne schritt, um wie immer in den Primaries seit 1964 um Punkt Mitternacht abzustimmen, da erzielte Bennet keine einzige Stimme. Zum Sieger im Wahlkampf der Demokraten erkoren wurde stattdessen Michael Bloomberg, ehemaliger Stadtpräsident von New York City, der zwei Stimmen gewann. Pete Buttigieg, ehemaliger Stadtpräsident von South Bend, Indiana, und Bernie Sanders, Senator aus Vermont, gewannen jeweils eine Stimme. Das Rennen der Republikaner entschied ebenfalls Bloomberg für sich, mit einer einzigen Stimme.

Rummel in Dixville Notch

Rummel in Dixville Notch

Die Stimmenauszählung unter den Augen der Reporter. Dann der Beginn der Wahl um Punkt Mitternacht. Der Mann, der die Stimme einlegt, ist Les Otten. Er wählte Bloomberg, nachdem er mit ihm telefoniert habe. 

Diese Reise nach Dixville Notch – drei Autostunden von Manchester entfernt, der grössten Stadt im kleinen Bundesstaat (Einwohnerzahl: knapp 1,4 Millionen) – gehörte einst zum Wahlkampf in New Hampshire wie eine Visite in einem urigen Diner oder eine Debatte über die Qualität des Kaffees in den omnipräsenten Dunkin' Donuts-Filialen. Dafür verantwortlich war der Industrielle Neil Tillotson, der sich 1954 das Grand Hotel The Balsams in Dixville erstanden hatte. Tillotson, erzählt sein Sohn Tom im Gespräch, habe es sattgehabt, am Wahltag ins nächste Lokal zu fahren, das eine Stunde entfernt gewesen sei. Also bat er die Wahlbehörde von New Hampshire um eine Genehmigung, im Nest am Lake Gloriette die Stimmen bereits kurz nach Mitternacht auszuzählen. New Hampshire erlaubt es kleinen Kommunen seit den Dreissigerjahren, ihre Wahllokale so früh als möglich zu öffnen. Einzige Bedingung: Sämtliche Stimmberechtigten müssen anwesend sein.

Bekanntheit über Nacht

Weil Tillotson ein kluger Unternehmer war – zum Familienunternehmen gehörte auch eine Latex-Fabrik, die sich auf dem grosszügig gestalteten Hotelareal befand – lud er ab November 1960 Medien von nah und fern ein, am mitternächtlichen Ritual teilzunehmen. Sie wurden mit einer warmen Mahlzeit und einem starken Getränk bewirtet, und Tillotson stellte ihnen Telefonleitungen zur Verfügung. Dixville wurde quasi über Nacht international zu einem Begriff. Noch heute sind Dörfer wie Millsfield oder Hart's Location in den Bergen von New Hampshire, die ebenfalls den Brauch des «Midnight Voting» pflegten, verstimmt darüber, dass Tillotson ihnen vor der Sonne stand.

Tillotson ist seit 2001 tot und das «Balsams» seit 2011 geschlossen. Dennoch bemüht sich der Unternehmer Les Otten, der heutige Besitzer des Areals, die Tradition des «Midnight Voting» weiterzuführen. Der republikanische Ex-Politiker, der sich 2010 für den Gouverneursposten im Nachbarstaat Maine bewarb, spricht von «einer geradezu perfekten Symbiose zwischen seinem Unternehmen und einer liebgewonnenen Tradition». Und natürlich ist es auch Gratis-Werbung für die millionenschweren Investitionen, die der 70-jährige Otten seit einiger Zeit plant – so soll das Grand Hotel vollständig saniert und um ein Konferenzzentrum erweitert werden. Auch will der umtriebige Unternehmer das Skigebiet im hohen Norden von New Hampshire erweitern. Um dieses Ziel zu erreichen, ist Otten auch gewillt, einen persönlichen Preis zu bezahlen: Als die Wahlbehörde von New Hampshire im vorigen Jahr bemängelte, dass Dixville nicht genügend Wahlberechtigte aufweise, um die Tradition des «Midnight Voting» fortzuführen, verlegte er kurzerhand seinen Wohnsitz in das Nest.

Ein guter Indikator für den Ausgang des ersten Urnengangs im Vorwahlzirkus ist Dixville übrigens nicht. Vor vier Jahren gewann John Kasich, Gouverneur von Ohio, 3 der 5 republikanischen Stimmen. Im Rest des Staates aber behielt der heutige Präsident Donald Trump die Oberhand. 2008 wiederum gewann der spätere Präsident Barack Obama 7 Stimmen, während seine innerparteiliche Konkurrentin Hillary Clinton in Dixville Notch leer ausging. Mike Bloomberg (dessen Name notabene in New Hampshire nicht auf den vorgedruckten Wahlzetteln steht, weil er sich zu spät dazu entschied, für die Präsidentschaft zu kandidieren) sollte sich also nicht zu früh freuen.

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