First Lady

Michelle Obama – ein Hohelied auf die Siegerin der Herzen

Selbstbewusstsein mit Glut und Grazie bis in die Fingerspitzen. Jeder Auftritt ein Ereignis.

Selbstbewusstsein mit Glut und Grazie bis in die Fingerspitzen. Jeder Auftritt ein Ereignis.

Ein oller Gatte räumt das Haus – und macht uns damit alle unglücklich. Denn wir werden auch sie aus den Augen verlieren – die unvergleichliche Michelle.

Die Rednerin am Pult machte eine Pause. Ganz kurz, nicht zögerlich, eher bewegt. «Und jetzt», sagte Michelle, «jetzt kommt diese Sache!»

Wieder ein Moment. Aus dunklen Augen ein intensiver Blick, ein sattes Gramm Grimm. Ein tiefer Atemzug durch Brust und Nase, fast ein Schnauben. Die Andeutung eines Lächelns, der Spur nach wie Erbarmen. Am langen Ende eines festen Arms eine offene Hand, gespreizt voller Grazie wie bei einer Primadonna. Eine Geste, die ringsum alle einlud, alle mit einschloss: «Ich meine, schaut auf uns!» Applaus brandete auf, der Atem stockte . . .

Trumpiert euch bloss nicht

War schlicht wieder mal grossartig, wie die First Lady das zuletzt machte. Noch ist sie First Lady, wird lange noch die wahre First Lady bleiben, trumpiert euch bloss nicht! Dieser, der Unaussprechliche, nannte Michelle hinterher «Verlierer». Der Mann ist wirklich blind; eine grössere Gewinnerin gab es nicht in den letzten Wochen.

Aber zurück zur Rede – ob Michelle Ghostwriter hat, neben Ghost-Abschreiberinnen? Sie steigerte stetig den Unmut darüber, wie ein Politiker, dessen Name sie nie erwähnte, ein halbes Land wegwirft als «them» («die dort», mitklingend «jenes Pack»). Und richtete auf dem Gipfel ihrer Anklage den Blick dann auf diese «them» – so: «Schaut auf uns!»

Okay – aber ewig dieses Michelle, Michelle; darf man eine First Lady duzen?

Nein. Auch dort nicht, wo einer nichts dafür kann, die First Lady zu lieben. Was nur Unglückliche tun, ausgemachte Narren – halb Amerika ist derzeit so närrisch. Im Unglück, in Kürze die Göttin aller First Ladys aus den Augen zu verlieren, nur weil der olle Gatte das Haus räumen muss, lassen sie trunken noch einmal Michelles ganze Klasse auf sich wirken, ihren Glanz und Geist, ihr Feuer und Temperament.

In den riesigen Chor von Verehrern und Verehrerinnen reihen auch wir uns ein, genauso glühend wie bei der Amtseinsetzung des ollen Gatten, wo wir Augen nur für sie gehabt hatten. Reihen uns ein auf Position 13 689 128, ohne je die Hoffnung aufzugeben, im Lauf der Jahre auf Position 13 689  121 vorzudrängeln. Zeit kümmert uns nicht; Zeit tut dieser Frau nicht weh. So ist das einfach, bei so viel Schönheit mit Charakter.

Ja, wir bekennen uns der Bewunderung, der Verehrung Michelles rundweg für schuldig, seit Jahr und Tag. Wo immer ein Video von ihr auftauchte, führten wir es uns zu Gemüte in Endlosschlaufe. Mit dem Wunsch oder Wahn, blind zu sein vor Anbetung. Blind für die Tatsache, dass Michelles Clips und Reden mit Segen der Spin-Doctors und PR-Boys im Weissen Haus verbreitet wurden. Scharlatane allesamt, ganz besonders, wo sie noch Lakaien waren in Michelles eigenem Staff.

Vielleicht aber spielte die First Lady auf diesen Clips gar nicht «die Authentische» – im Gemüsegarten, im Fitnessraum, beim Funk-Dance oder Karaoke –, sondern war natürlich oder «echt». Die Nähe zur Macht, zur Politik zieht freilich unweigerlich einen impermeablen Film zwischen Gefühl und Glauben. Es spräche für Michelle, wenn ihre Abneigung stimmte gegen die Machenschaften der Politik, gegen die grassierenden Intrigen im Smog von Washington.

Den Intrigen-Stadl DC verlassen

Sie sei nicht unfroh, deutete Michelle mal an, die Schlangengrube DC zu verlassen, obwohl es bequem gewesen sei, morgens um vier einen Seufzer zu tun nach einem Truthahn-Sandwich und das Sandwich augenblicklich zu bekommen. Alle Autoren in den Politfeuilletons, die jetzt so seltsam aus einer Kehle singen, dass Michelle «die bessere Präsidentin» gewesen wäre, könnten sich noch täuschen. Michelle hat möglicherweise nicht die geringste Lust, je nach Washington zurückzukehren.

Wäre dem so, fegte das meine letzte Skepsis hinweg und zwänge mich – Position 13 689 122 – vollends auf die Knie, fortan rückhaltlos Knappe und Knight für Lady Belle Michelle im fernen Telli-Grossraumbüro, mit verbeultem Schild, rostigem Helm und gerupfter Zier.

Verblasst durch Unterstützung

Auch die Vorstellung, Michelle wäre «die bessere Präsidentin» gewesen, verdankt sie ihrer Strahlkraft. Das wurde paradox: Ausgerechnet dann, als Michelle kraftvoll die – von ihr nicht rundweg geschätzte – Parteifreundin Hillary unterstützte, verblasste die Kandidatin der Demokraten vollends. Nicht im Vergleich zu Donald, dem Gruselclown. Sondern vor der Aura Michelles.

Mit zeitlichem Abstand dürfte Hillary in der Erinnerung vollends verbleichen, während man «In the year 2525» (ein Hit aus dem Jahr 1969) glauben wird, dass «die erste Frau im Weissen Haus» schwarz gewesen war.

Fakten werden manchmal bedeutungslos, wenn innere Kräfte eine Scheinwirklichkeit schaffen, wie verhext. Falls eine der beiden Damen irgendwie verbunden sein sollte mit diesen tieferen Webkräften der Zeit, dann gewiss nicht Hillary, diese Drahtpuppe der Macht.

Was wäre dünn und drahtig an Michelle? Die Frage mündet unweigerlich ins Lachen … ach, wie umwerfend war Michelles Lachen. Und sie eine Lebendskulptur in ständiger Bewegung, ebenso fit wie entspannt. Alles andere als perfekt. Aber immer sie, Michelle herself.

Bitte nicht neben Jackie O.

Es ist eine Herabsetzung Michelles, neben sie, neben diese Allzeit-First-Lady, eine Jackie Kennedy zu stellen, weil Jackie «stilbildend» gewesen sei.

Das ist nicht das Entscheidende. Michelle ist Idol oder Modell nicht über Fummel und Accessoire, sondern kraft Persönlichkeit. Nicht stil-bildend, sondern umfassend bildend, was sie noch lange sein wird. Nun erst recht brechen junge Frauen auf, dank Beispiel und Bildung. Michelle wusste immer, wenn sie morgens erwachte im Weissen Haus, dass ihresgleichen bei dessen Bau noch Sklavendienst verrichteten.

Wie Tausende anderer Schwestern, ist Michelle aber auch überlegen schön, wegen ihrer Haut. Dieses Attribut für schwarze Frauen – «überlegen schön» – stammt von einem Amerikaner, einem Weissen, von John Updike (1932–2009).

Was immer auch Designer nach Michelle warfen, an ihr sah es fantastisch aus. Das letzte Staatsbankett im Weissen Haus (für Italiens Premier Matteo Renzi und dessen Frau), mit Michelle im rosagoldenen Versace-Kleid, hätte einen Fellini verrückt gemacht. Das war Hollywood und Cinecitta, Oper und Rap in einer Person. So blieb einer Amerikanerin vorbehalten, die mediterrane Venus von Milo ideal zu verschmelzen mit der nordischen Walküre von Bayreuth.

Einen einzigen Fehltritt leistete sich die skandalfreie Michelle, auch der war königlich: Sie umarmte die Queen. Alle Welt verzieh ihr sofort, mit Vergnügen gar die Queen. Alle Welt? Nicht ganz.

Da gäbe es einen noch, der ihr deswegen gram ist bis heute. Der Michelle keine noch so flüchtige Fremdumarmung verzeiht, eifersüchtig wie sie selbst: in Afrika, als Michelle ihrem ollen Gatten nicht den Hauch eines Schäkerns gegönnt hatte mit Dänemarks Ministerpräsidentin Helle Thorning-Schmidt. Oder dann fand die First Lady das Selfiemachen der beiden Kindsköpfe deplatziert an der Trauerfeier für Mandela …

Okay, geschenkt – aber wer ist nun Michelle als Letzter gram?

Schauen sie mal nach, fernab von Washington, weit hinten zwischen Position 13 689 122 und 13 689 121 ...

Ja, der mit dem ramponierten Helm.

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