So umjubelt wie Emmanuel Macron wurde in Berlin seit Jahren kein Staatsgast mehr. Bundeskanzlerin Angela Merkel und der neue französische Präsident traten gestern sogar kurz auf die Terrasse im Kanzleramt, um den mehreren hundert Menschen zuzuwinken. «Das ist für mich sehr bewegend, das berührt mich wirklich sehr», sagte Macron am Abend an einer gemeinsamen Pressekonferenz. Merkel antwortete mit einem Zitat von Hermann Hesse: «Allem Anfang wohnt ein Zauber inne.»

Die Erwartungen an Macron sind in Deutschland offenkundig hoch. Die erste Unterredung zwischen dem parteipolitisch unabhängigen Präsidenten und der Kanzlerin endete für beide mit einem ersten Erfolg. Merkel zeigte sich offen, die Europäischen Verträge anzupassen. «Aus deutscher Sicht ist es möglich, die Verträge zu ändern, wenn das Sinn macht und es das braucht, um die Euro-Zone zu stärken», sagte Merkel.

Und Macron betonte auf eine Journalistenfrage, dass er nicht verlange, französische Schulden mit deutscher Hilfe zu tilgen. Ihm gehe es darum, die Euro-Zone durch Investitionen zu stimulieren.

Die deutsch-französische Achse

Das grosse mediale Interesse und die zahlreichen Zaungäste vor dem Kanzleramt sind ein Indiz dafür, wie wichtig die deutsch-französischen Beziehungen für Europa sind. Macron rief bei der Medienkonferenz zu tiefgreifenden Reformen auf. «Wir brauchen eine Zeit der Neugründung», sagte er. Der Wahlsieg Macrons war in Deutschland mit grosser Erleichterung aufgenommen worden.

Zumal sich der 39-Jährige im Wahlkampf nicht – wie seine Vorgänger – auf das Schüren antideutscher Ressentiments einliess, sondern im Gegenteil stets die Bedeutung der deutsch-französischen Achse betont hatte. Allerdings wurden vor Macrons Antrittsbesuch in Berlin auch skeptische Stimmen laut: In der Bundesregierung waren CDU und SPD hinsichtlich Macrons Ideen für die Euro-Zone unterschiedlicher Meinung.

Die Pläne für einen europäischen Finanzminister und ein Budget für die Eurozone, das von den Parlamentariern der Eurozone kontrolliert wird, stiessen bei Aussenminister Sigmar Gabriel (SPD) auf Anklang. Gabriel liess kurz nach Macrons Wahl ein mehrseitiges Papier erarbeiten, in dem er Bemühungen für ein sozialeres Europa unterstützt und nicht vor Kritik an der rigiden Sparpolitik zurückschreckt, welche die Kanzlerin und ihr Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) verfolgt haben.

Deutschland müsse den «Mut haben, über eigene festgefahrene Positionen in der Währungsunion nachzudenken und sich einem deutsch-französischen Kompromiss für eine dauerhaft stabile Architektur für den Euro zu öffnen», meinte Gabriel, der einen gemeinsamen Investitionsfonds auflegen möchte.

In den vergangenen Tagen äusserte sich vor allem Schäuble skeptisch zu solchen Vorschlägen. Die Kanzlerin signalisierte gestern allerdings überraschend deutlich, dass Berlin nicht stur an alten Verträgen festhalten will. Allerdings mahnte sie zu Geduld, wohl nicht zuletzt auch aus innenpolitischen Überlegungen.

Ein zu starkes finanzielles Engagement Berlins für Reformpläne in Europa wäre einem Grossteil der Wählerschaft momentan schwer zu vermitteln. Die europaskeptische Alternative für Deutschland (AfD) könnte in der heissen Phase des Bundestagswahlkampfes mit dem Thema auf Stimmenfang gehen.

«Merkel braucht Macron»

Die deutsche Regierung ist sich allerdings bewusst, dass die Chance zur Stärkung der EU mit Emmanuel Macron so günstig ist wie lange nicht. Scheitert der junge Präsident mit seinen Reformvorschlägen, drohen die EU-Feinde des Front National die Oberhand zu gewinnen, was auch aus deutscher Sicht verheerend wäre. Claire Demesmay, Expertin für die deutsch-französischen Beziehungen bei der Gesellschaft für Auswärtige Politik in Berlin, sieht trotz teilweise noch unterschiedlichen Auffassungen in Paris und Berlin die Möglichkeit für Kompromisse gegeben.

Demesmay geht davon aus, dass sich Deutschland mit konkreten Zusagen noch zurückhalten wird. «Es ist schwer für die deutsche Seite, mitten im Bundestagswahlkampf Kompromisse einzugehen. Merkel will aber Ideen Macrons keinesfalls vorzeitig eine Absage erteilen.» Merkel sei auf Macron und eine stabile Regierung in Paris angewiesen. «Deutschland braucht Frankreich als verlässlichen Partner in Europa. Dafür ist Bereitschaft auf beiden Seiten notwendig, Europa zusammenzuhalten.»

Die Chancen für ein erfolgreiches deutsch-französisches Tandem stehen nach gestern jedenfalls nicht schlecht. Der 39-jährige Macron und die 62-jährige Merkel zeigten sich gut gelaunt vor der Presse. Beide betonten, sie wollten die wichtige Beziehung vertiefen. «Wir sind in einem historischen Moment für Europa», sagte Macron.