Den entscheidenden Fehler hat die Kanzlerin Anfang April begangen. In einem Gespräch mit dem türkischen Ministerpräsidenten Ahmet Davutoglu hat sie das Schmähgedicht des Satirikers als «bewusst verletzend» bezeichnet. Merkel wollte die Wogen glätten, diplomatische Spannungen mit dem wichtigen Partner in der Flüchtlingskrise nicht aufkommen lassen. Nur: Merkel hat sich verkalkuliert. «Bewusst verletzend» – ohne jegliche Not hat sie festgelegt, wie weit Satire in Deutschland gehen darf. Das ist schlicht nicht Aufgabe der Kanzlerin, sondern die von Richtern. 

Dass man es trotz des antiquierten «Beleidigungs-Paragraphen» auch hätte anders lösen können, zeigt ein Beispiel aus dem Jahr 1987. Damals fühlte sich der geistliche Herrscher des Irans, Ajatollah Chomeini, von einem Satirebeitrag des Showmasters Rudi Carrell in seiner Ehre verletzt. Teheran verlangte von Bonn eine Entschuldigung. Doch die Regierung Kohl blieb hart: Man bedauere den Fall, könne sich aber nicht für eine TV-Sendung entschuldigen, die man nicht produziert habe.

Moralischer Sieger der Affäre ist der Entertainer Jan Böhmermann. Er hat es mit einem fürwahr primitiven Gedicht geschafft, die Politik der Kanzlerin zu entlarven. Merkel ist vom Goodwill
des Autokraten Erdogan abhängig.