Die Geschichte von Esra ist kein Einzelfall. Die genaue Zahl der Betroffenen ist unklar; das Eidgenössische Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA) bestätigt lediglich, es habe «Kenntnis von mehreren Personen mit schweizerischer und türkischer Staatsangehörigkeit». Konsularischen Schutz erhalten jene, die den roten Pass besitzen. Doch in der Praxis wird der Zugang erschwert: Die Türkei anerkennt Doppelbürger einzig als türkische Staatsangehörige.

Amnesty International fordert, dass sich die Schweiz darüber hinaus für Personen mit einer hiesigen Niederlassungsbewilligung einsetzt. Mediensprecher Beat Gerber sagt: «Es besteht zumindest eine ethische Verpflichtung der Schweiz, sich dafür einzusetzen, dass diesen Menschen ein faires Verfahren und menschenwürdige Haftbedingungen garantiert werden.»

Die Schweiz habe sich zwar mehrfach für die Einhaltung der Menschenrechte in der Türkei starkgemacht. Doch eine öffentliche Verurteilung von unrechtmässigen Inhaftierungen fehle. «Hier wäre eine mutigere Haltung angebracht», sagt Gerber. Die Repressionen in der Türkei gegen Regierungskritiker seien «dramatisch»; Einschüchterungen fänden bis in die europäische
Diaspora statt.

«Auch in der Schweiz gab es deutliche Hinweise auf Bespitzelungen von Erdogan-Kritikern», sagt Gerber. Der Schweizer Nachrichtendienst sagt dazu, dass er die Lageentwicklung in der Türkei und deren Auswirkung auf die Diaspora in der Schweiz «aufmerksam und laufend analysiere». (ABA)