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Mensch Joe: Was der neue Spitzenreiter der Demokraten mit Donald Trump gemeinsam hat – und was sein grösstes Problem ist

Joe Biden feiert seine Erfolge mit seiner Frau Jill (links) vor Anhängern in Los Angeles. Biden hat mindestens 9 der 14 Vorwahlen am Dienstag gewonnen.

Joe Biden feiert seine Erfolge mit seiner Frau Jill (links) vor Anhängern in Los Angeles. Biden hat mindestens 9 der 14 Vorwahlen am Dienstag gewonnen.

Seit beinahe 50 Jahren ist Joe Biden, 77, in der Politik aktiv. Doch trotz seiner Erfahrung: Der demokratische Spitzenreiter ist umstritten. Je fünf Gründe, die für und gegen Biden sprechen.

Fünf Gründe, die für Joe Biden sprechen

  1. Joe Biden ist ein Mensch
    Vielleicht ist das eine Qualität, die im Politbetrieb nicht mehr zählt. Aber in seiner Karriere hat der ehemalige Senator (1973 bis 2009) und Vizepräsident Amerikas (2009 bis 2017) immer wieder seinen Anstand und sein Einfühlungsvermögen unter Beweis gestellt. Legendär sind die Anekdoten über seine täglichen Zugfahrten von Washington an seinen Wohnort Wilmington in Delaware, in denen er sich mit dem Zugpersonal austauschte. Legendär sind auch seine Gespräche mit Menschen, die Opfer von Schicksalsschlägen wurden – auch weil er nach dem Tod seiner ersten Gattin Neilia, seiner ältesten Tochter Naomi und seines ältesten Sohnes Beau aus eigener Erfahrung weiss, wie brutal das Leben sein kann.
  2. Joe Biden ist durch und durch loyal
    Auch das ist eine altmodische und dennoch wertvolle Qualität. Biden stand seinen Freunden stets loyal zur Seite. Bestes Beispiel dafür ist seine Partnerschaft mit dem ehemaligen Präsidenten Barack Obama, dem er acht Jahre lang als Vize diente. Obwohl Biden nicht immer einverstanden war mit seinem Chef im Weissen Haus, unterstützte er Obama durch dick und dünn. Und Biden liess keine Möglichkeit aus, die Verdienste des ersten schwarzen Präsidenten auch vor einem skeptischen Publikum anzupreisen. Auch deshalb gelang es dem Team Obama-Biden 2008 und 2012, in umkämpften Staaten wie Ohio, Michigan und Florida eine Mehrheit der Stimmen zu gewinnen.
  3. Joe Biden ist erfahren
    Die lange Dienstzeit Bidens, der zu Beginn der Siebzigerjahre in die Lokalpolitik im Bundesstaat Delaware eingestiegen ist, ist ein zweischneidiges Schwert. Hier die positive Seite: Biden ist Teil des Machtapparates in Washington. Er weiss, wie man im Senat und Repräsentantenhaus Koalitionen schmiedet und dann die Bürokratie dazu bringt, den beschlossenen Kompromiss umzusetzen. Er verharrt nicht im Lagerdenken und findet ab und zu auch positive Worte über die politischen Gegner – weil er weiss, dass er mit Republikanern zusammenarbeiten muss, wenn er etwas im Land verändern will.
  4. Joe Biden ist landauf, landab bekannt
    In seiner Karriere ist Biden viel gereist, im In- und Ausland. Er kennt deshalb junge und alte Politiker, Nachwuchshoffnungen der Demokraten und künftige Regierungschefs in Europa oder Asien. Auf solche Kontakte ist ein amerikanischer Präsident angewiesen, will er sein Programm umsetzen und den Dialog fördern.
  5. Und vor allem: Joe Biden ist das Gegenteil des Amtsinhabers
    Einmal abgesehen von seinem Alter und der Tatsache, dass auch Joe Biden keinen Alkohol trinkt, ist er buchstäblich der Kontrapunkt zu Donald Trump– ein Berufspolitiker, seit mehr als vier Jahrzehnten glücklich (mit der gleichen Frau) verheiratet. Selbst von politischen Gegnern wird er als weitgehend integer bezeichnet. Und das ist vielleicht die grosse Stärke Bidens: Amerika ist müde, nach drei Jahren Trump. Ein grosser Teil der Bevölkerung sehnt sich nach Normalität zurück.
© CH Media

Fünf Gründe, die gegen Joe Biden sprechen

  1. Joe Biden ist ein Dampfplauderer
    Sei es während formaler Ansprachen, sei es in Gesprächen mit Wählern: Joe Biden ist berüchtigt dafür, dass er in rhetorische Fettnäpfchen tritt. Er verwechselt Zahlen, Orte und Menschen, vergisst den Wortlaut der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung und – vielleicht am schlimmsten – erfindet Geschichten. So behauptete Biden im Vorwahlkampf in South Carolina, dass er in den Siebzigerjahren während einer Reise nach Südafrika vom damaligen Apartheid-Regime verhaftet wurde. Das war schlicht und einfach falsch, wie er später zugeben musste.
  2. Joe Biden ist alt
    Pardon, aber ein Land, in dem 91 Prozent der rund 330 Millionen Bewohner jünger als 75 Jahre sind, sollte einen Präsidenten haben, der nicht während des Zweiten Weltkrieges geboren wurde. Ein Präsident auch, der mit zeitgemässen Gepflogenheiten besser vertraut ist als Joe Biden. Mag sein, dass ältere Semester zum Beispiel seine Angewohnheit, den Gesprächspartner zu berühren, schätzen. Jüngere Amerikaner aber sehen darin eine Grenzverletzung.
  3. Joe Biden ist erfahren
    Hier die negative Seite der langen Karriere Bidens: Über all die Jahre vertrat er Positionen, die sich später als katzfalsch herausstellten – auch in seinem Kerngebiet, der Aussen- und Justizpolitik. In den vergangenen vier Jahrzehnten lag Biden in fast jeder wichtigen sicherheitspolitischen Frage falsch. So sprach er sich zu Beginn der Neunzigerjahre dagegen aus, dem besetzten Golf-Staat Kuwait zur Seite zu springen; eine Dekade später unterstützte er den Krieg gegen den Irak. Heute behauptet Biden, er sei vom damaligen Präsidenten George W. Bush getäuscht worden. Aber das stimmt nicht. Er liess sich von Bush täuschen, weil er sich von Bush täuschen lassen wollte.
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  1. Joe Biden verkörpert das alte Amerika
    Wenn Joe Biden spricht, dann erzählt er häufig Geschichten aus seinem Geburtsort Scranton (Pennsylvania) oder seinem Wohnort Wilmington (Delaware). Das sind Kleinstädte, die schon lange nicht mehr repräsentativ sind für ein Land, in dem Menschen mit weisser Hautfarbe bald in der Minderheit sein werden. Biden scheint dieses alte Amerika zu verklären, in dem man am Sonntag noch zur Kirche ging und die Nachbarn in der Gewerkschaft aktiv waren.
  2. Joe Biden ist aus Delaware
    Als Senator aus Delaware war Biden ein treuer Verbündeter der Finanzindustrie – die im Kleinstaat an der Ostküste zu Hause ist, weil die Gerichtsbarkeit hier ausgesprochen wirtschaftsfreundlich ist. So bekämpfte Biden vor 15 Jahren eine Reform des Konkursrechtes, weil die Kreditkarten-Industrie damit nicht einverstanden war. Im Gegenzug wurde er von lokalen Wirtschaftskapitänen finanziell unterstützt. Sein Sohn Hunter war zu Beginn seiner Karriere für eine Grossbank tätig. Auch wenn sich Biden persönlich nicht bereichert hat: Er schlug sich in wichtigen Debatten auf die Seite der Finanzindustrie.

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