Es ist nur eine Meinungsumfrage, doch in den Ministerien und dem Élysée-Palast schrillen die Alarmglocken: In Frankreich wächst die Skepsis gegenüber der Europäischen Union krisenbedingt in beunruhigender Weise. Und dies zeitgleich mit der Ankündigung des britischen Premiers David Cameron, 2017 eine Volksbefragung zum EU-Austritt Grossbritanniens abzuhalten.

In der grossflächigen Erhebung des Institutes Ipsos für die Zeitung «Le Monde» war die Kernfrage fast versteckt und überdies etwas akademisch formuliert: Was ist laut den Franzosen zu tun, «um den grossen Problemen, die in den nächsten Jahren auf uns zukommen, wirkungsvoll zu begegnen?» Die Antwort dagegen fiel sonnenklar aus: Nur gerade 23 Prozent sehen das Heil in einer Stärkung der EU und deren Kompetenzen; 65 Prozent meinen hingegen, es gelte «die Entscheidungsmacht unseres Landes zu stärken, selbst wenn das diejenige der EU schmälert».

Rückbesinnung auf die Nation

Die Franzosen setzen also mehr auf die eigenen Fähigkeiten als auf Brüssel. Und das gilt für alle politischen Lager. Sogar die Anhänger der sehr proeuropäischen Mittepartei Modem glauben mehrheitlich – zu 53 Prozent – nicht mehr an die EU-Instanzen. Bei Sozialisten und UMP-Bürgerlichen sind fast 60 Prozent für eine «Rückbesinnung» auf die nationalen Entscheidungsträger, bei der Linksfront und dem rechtsextremen Front National liegen die Werte sogar – weniger überraschend – bei über 70 Prozent.

Den Euro wollen zwar 72 Prozent der Franzosen beibehalten. Der Grund dafür dürfte aber vor allem die Prognose von Ökonomen sein, dass ein Ausstieg in Frankreich einen gravierenden Wirtschaftsabschwung auslösen würde.

Anders als die Briten sind die Franzosen eigentlich EU-Befürworter. Doch spätestens seit 2005, als sie die geplante EU-Verfassung an der Urne in hohem Bogen verwarfen, ist klar, dass die Bürger die ungebremste Eigendynamik der EU klar ablehnen.

Die tieferen Ursachen für die zunehmende EU-Skepsis zeigen sich in anderen Resultaten der Umfrage, die eine klare Tendenz zur Abschottung gegen aussen erkennen lassen: Die Franzosen meinen mehrheitlich, es kämen zu viele Ausländer und Moslems in ihr Land. Mehr als 60 Prozent halten die Globalisierung für eine Bedrohung. Frankreich hat in einem Jahrzehnt 700000 Arbeitsplätze in der Industrie verloren, weil diese international nicht mehr wettbewerbsfähig ist.

Merkels Union-Projekt gefährdet

Die französischen Medien verdrängen die pessimistischen Resultate der Umfrage gerne. Die Langzeitfolgen dürften aber nicht ausbleiben. Gefährdet scheint das Projekt der deutschen Kanzlerin Angela Merkel, die EU-Kompetenzen in einer eigentlichen «politischen Union» zu bündeln und auszubauen. Frankreichs Präsident François Hollande war schon bisher wenig angetan von der Idee; angesichts der Stimmung in seinem Land wird er die deutschen Pläne nun ganz zurückweisen müssen.

Für die EU schafft das aber ein grosses Problem: Ohne politische Union – das heisst ohne Wirtschaftsregierung – wird die Eurozone sehr unstabil bleiben. Der Geburtsfehler des Euros bliebe nämlich intakt, da hinter der gemeinsamen Währung weiterhin keine gemeinsame Wirtschaftspolitik stünde.

Hollande ratifizierte den EU-Beitritt Kroatiens, der für Mitte Jahr geplant ist, gestern zweifellos mit gemischten Gefühlen. Dem Élysée bleibt nicht verborgen, dass die Franzosen in ihrer grossen Mehrheit – und zwar seit Jahren – gegen die ungebremste Osterweiterung sind. Das gilt für Rumänien und Bulgarien wie auch für Kroatien. Sogar der proeuropäische, ehemalige Präsident Valéry Giscard d’Estaing (1974–1981) meinte Ende letzten Jahres unverhohlen, die EU habe sich zu schnell vergrössert; die Eurozone hätte Griechenland zudem gar nie aufnehmen dürfen.

Offiziell hält Hollande an der Fortsetzung der europäischen Integration fest. Zugleich muss er aber auch Rücksicht auf die öffentliche Meinung nehmen. Und die neuste Meinungsumfrage lässt diesbezüglich keine Zweifel: Die Franzosen haben immer weniger Vertrauen in die EU.