Terrorismus

Mehr Überwachung kann nicht die einzige Antwort sein

Ein Polizist vor dem Gebäude der EU-Kommission in Brüssel.

Ein Polizist vor dem Gebäude der EU-Kommission in Brüssel.

Jean-Paul Rouiller leitet das Zentrum für Terrorismus-Analyse in Genf (GTAT) und sagt, warum erhöhte Warnstufen nicht vor Terrorangriffen schützen.

Am letzten Freitag hat die belgische Polizei vier mutmassliche Terroristen in Brüssel festgenommen, darunter mit Salah Abdeslam ein mutmasslicher Attentäter von Paris. Stehen die heutigen Anschläge mit diesen Verhaftungen in Zusammenhang?

Jean-Paul Rouiller: Zum jetzigen Zeitpunkt kann man die beiden Ereignisse nicht in Verbindung bringen. Die zeitliche Abfolge ist interessant und mehrere Hypothesen stellen einen Zusammenhang her. Allerdings gibt es im Moment keine Tatsachen, die das belegen.

Stimmt der Eindruck, dass es für jemanden, der gewillt ist, sein Leben aufs Spiel zu setzen, relativ einfach möglich ist, willkürlich Menschen umzubringen oder zu verletzen?

Die Anschläge in Brüssel sind einfach auszuführen. Was wirklich komplex ist, ist die Herstellung der Sprengsätze, die im Flughafen und in der Metro gezündet wurden. Aber wenn Sie einen kompetenten Sprengmeister zur Verfügung haben, ist die Ausführung des Attentats dann sehr einfach. Und in Brüssel scheint das der Fall gewesen zu sein. Auch die Anschläge in Paris zeigen, dass Einzelpersonen mit der entsprechenden Motivation fähig sind, sich in unseren Städten in die Luft zu jagen. Wenn die Motivation da ist, dann wird es schwierig solche Einzelpersonen zu stoppen. 

Was nützt eine erhöhte Terrorwarnstufe, die es ja gab, um solche Anschläge zu verhindern? Lassen sie sich überhaupt verhindern? ­– Die belgischen Behörden haben ja nach den Verhaftungen vom Freitag vor Anschlägen gewarnt.

Paris und heute Brüssel zeigen, dass man über effiziente Nachrichtendienste verfügen kann, Nachrichtendienste die über richtige Hinweise verfügen. Und trotzdem lassen sich Attentate dieser Art nicht verhindern. Diese Erkenntnis sollte uns dazu veranlassen, neben den Massnahmen im Bereich der Sicherheit auch weitere in Betracht zu ziehen. Diese jungen Männer sind bei uns aufgewachsen und bereit, sich in unseren Städten in die Luft zu jagen. Damit stellen sie uns vor ein Problem, das wir nicht dadurch lösen, dass wir nur unseren Sicherheitsapparat ausbauen. Wir sind mit gesellschaftlichen Fragen ebenso konfrontiert wie mit Fragen der Sicherheit.

Woran denken Sie?

Die grundsätzlichen Fragen, sind die die wir uns stellen müssten, sobald wir feststellen, dass ganze Teile unserer europäischen Gesellschaft bereit sind a) sich dem Islamischen Staat anzuschliessen und Schreckenstaten in Syrien und im Irak begehen, b) zurück nach Europa zu kommen, um in denjenigen Ländern blutrünstige Anschläge auszuführen, in denen sie aufgewachsen und teils auch geboren sind, die sie also bis zu einem bestimmten Grad hervorgebracht haben, c) bei Selbstmordattentaten zu sterben, sei es in Europa, in Syrien oder im Irak. Die Hauptfrage ist, warum ganze Teile unserer Gesellschaft sich absolut nicht mit den ökonomischen, sozialen und politischen Modellen identifizieren können, welche die europäischen Länder anbieten. So wenig, dass junge Menschen, nicht einmal unbedingt religiöse, vielleicht nicht einmal muslimische, bereit sind im Namen einer andersartigen und sehr limitierten Gemeinschaft Personen, die von der Polizei gesucht werden, Unterschlupf, Hilfe und Unterstützung zukommen zu lassen. So wie das bei Abdelhamid Abaaoud oder Abdeslam Salah der Fall war. (Aboaaud gilt als Planer der Anschläge von Paris. Er wurde bei einer Polizeirazzia in einem Pariser Vorort getötet. Anm. d. Red.)

Was bezwecken die Attentäter mit ihren Anschlägen?

Sie wollen ein Chaos provozieren und Europa dazu zwingen, sich immer stärker im Bereich der Sicherheit zu engagieren. Sie wollen einen Bruch provozieren zwischen den muslimischen Gemeinschaften Europas und den Staaten, in denen diese leben. Es geht darum einen Graben aufzureissen, mit dem sich dann ein maximales Chaos stiften lässt.

Müssen wir uns in Zukunft in Europa darauf einstellen, dass solche Anschläge regelmässig verübt werden?

Ich weiss nicht, ob Taten dieser Art zu einem häufigen Phänomen werden. Aber ja, wir müssen mit weiteren solchen Taten rechnen.

Was sagen Sie zur Aussage, dass der islamistische Terror ein globales Phänomen ist, das auch Europa nicht verschont, das aber anderswo viel gravierender ist?

Europa ist nur ein Teil des Puzzles, das stimmt. Bis zum heutigen Tag fordert der Islamische Staat mehr Opfer in Syrien und im Irak als auf unserem Kontinent. In diesem Sinne ist es richtig, dass das Problem ausserhalb Europas mindestens ebenso gravierend ist wie in Europa selbst. Aber diese Überlegung bedeutet, dass Europa auch ein wichtiger Akteur bei der Lösung dieses Problems sein kann.

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