760 Zeugen sagten im aufwendigsten Prozess der deutschen Rechtsgeschichte aus, 50 Sachverständige wurden angehört, die Ermittlungsakte umfasst 300'000 Seiten – und doch: Mehr als fünf Jahre und zwei Monate nach Prozessauftakt gegen den Nationalsozialistischen Untergrund (NSU) bleiben viele Fragen offen: Warum mussten neun Migranten und eine junge Polizistin sterben? Wie konnte es sein, dass die Strafverfolgungsbehörden die Hinweise ins rechtsextreme Milieu übersahen? Was wussten die Verfassungsschützer? Und: War die Hauptangeklagte Beate Zschäpe Mittäterin oder bloss eine in Abhängigkeit zweier Neonazis geratene Mitwisserin?

Am Mittwoch um 9.30 Uhr fällt im Prozess vor dem Oberlandesgericht München das Urteil gegen die heute 43-jährige Hauptangeklagte Beate Zschäpe und vier weitere Unterstützer des NSU. Die Bundesanwaltschaft verlangt für die in Jena geborene, gelernte Gärtnerin Zschäpe die Höchststrafe: lebenslänglich mit besonderer Schwere der Schuld plus Sicherungsverwahrung.

NSU-Prozess: Ein Rückblick

NSU-Prozess: Ein Rückblick

Nach fünf Jahren und 437 Prozesstagen wird endlich das Urteil im Fall des «Nationalsozialistischen Untergrunds» (NSU) am Mittwoch erwartet.

Die Verteidigung zeichnet von der Angeklagten hingegen das Bild einer Frau, die in die Fänge der beiden gewaltbereiten Neonazis Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos geraten ist – und von den insgesamt 10 Morden, 2 Sprengstoffanschlägen mit Dutzenden von Verletzten und 15 Raubüberfällen immer erst im Nachhinein erfahren haben will.

Die Opfer des NSU waren – mit Ausnahme einer jungen Polizistin – Migranten türkischer, iranischer und griechischer Abstammung. Die Rechtsterroristen schlugen ohne Vorwarnung zu, streckten ihre Opfer – Blumenhändler, Imbiss-Verkäufer oder Kioskbetreiber – mit einer von Unterstützern besorgten Pistole regelrecht nieder.

Falsche Verdächtigungen

Das aus der Jenaer Rechtsextremen-Szene stammende Neonazi-Trio Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe ging 1998 in den Untergrund. Erst nach einem missglückten Raubüberfall im November 2011 – Mundlos und Bönhardt nahmen sich damals mutmasslich das Leben, Zschäpe verteilte ein Bekennervideo und stellte sich wenige Tage später der Polizei – flogen die Rechtsterroristen auf. Die Strafverfolgungsbehörden konnten oder wollten den rechtsextremen Hintergrund der Morde zuvor jahrelang nicht erkennen, stets ging die Öffentlichkeit von Abrechnungen im Drogenmilieu aus, in den Medien war die Rede von «Döner-Morden.»

Laut Zeugen aus der Neonazi-Szene war Zschäpe möglicherweise die treibende Kraft, sicherlich aber gleichberechtigtes Mitglied beim NSU. Nach Meinung der Anklagebehörde hielt sie den beiden Neonazis Böhnhardt und Mundlos den Rücken für deren Taten frei.