An der Weiberfasnacht in Köln trat Katrin Göring-Eckhardt in einer Martin-Schulz-Maske auf. Die Spitzenkandidatin der Grünen mit dem Antlitz des SPD-Kanzlerkandidaten Schulz – ein gelungener Gag: Selfies hier, Fotos da, Zeitungsberichte. Vielleicht hat sich Göring-Eckhardt für die Schulz-Maske entschieden, weil sie wieder einmal erfahren wollte, wie es ist, im Mittelpunkt zu stehen. So, wie es dem Kandidaten der SPD seit nunmehr fünf Wochen widerfährt. Schulz beschert den Sozialdemokraten Auftrieb wie seit zehn Jahren nicht. Im Willy-Brandt-Haus, der Parteizentrale in Berlin, träumen sie schon von einem Kanzler Schulz.

Für die Grünen ist der Schulz-Höhenflug ein Fluch. Noch vor einigen Monaten erreichte die Öko-Partei in Umfragen zweistellige Werte. Doch seitdem bekannt geworden ist, dass Martin Schulz für die SPD in den Ring steigt, sacken die Grünen ab. Gegenwärtig kommen sie auf sieben, acht Prozent. Auf den Umfrageeinbruch reagiert sogar der politische Gegner mit Mitleid. «Wenn zwei Elefanten im Raum sind, haben die Mäuse ein Problem», kommentierte EU-Kommissar Günther Oettinger (CDU). Mit anderen Worten: Wenn die mediale Aufmerksamkeit auf den politischen Schwergewichten Union und SPD liegt, haben es die Kleinparteien schwer, sich Gehör zu verschaffen.

Das ist aber nur ein Teil der Wahrheit. Es gibt auch andere Gründe, weshalb die Grünen nervös auf die Umfrageergebnisse blicken. Da ist zum einen das Spitzenduo Katrin Göring-Eckhardt und Cem Özdemir. Sie wurden demokratisch von der Basis erkoren, aber beide gehören dem «Realo-Flügel» an, tragen etwa in Asyl- und Sicherheitsfragen Verschärfungen der Bundesregierung mit. Ihre Nomination wurde dahingehend gedeutet, dass sich die Grünen für eine Koalition mit Merkels Union in Stellung bringen wollen. Das löste bei den «Fundi»-Grünen, wie der linke Parteiflügel genannt wird, keine Begeisterung aus. Es drohen Flügelkämpfe.

Das grosse Thema fehlt

Die Furcht, dass die Grünen als Teil einer neuen Regierung zwischen zwei bürgerlichen Parteien zerrieben werden, treibt linke Parteimitglieder um. Sie sehen nur einen Ausweg: Sie schlagen sich auf die Seite der SPD, zumal ein linkes Regierungsbündnis nicht mehr ausgeschlossen scheint. Der Parteienforscher Jürgen Falter sagt: «Der linke Parteiflügel der Grünen stärkt die SPD, damit die Sozialdemokraten an die Macht kommen. Damit steigt die Chance auf eine linke Regierung, an der auch die Grünen beteiligt sind.»

Am 10. März will die Partei ihr Programm für die Bundestagswahlen präsentieren. Sie setzt auf klassische Umwelt-Themen: Raus aus der Kohlekraft, Schluss mit Verbrennungsmotoren, Förderung erneuerbarer Energien und der Elektromobilität. Mit dem Umwelt-Thema allein werden die Grünen indes nicht zu alter Stärke finden. Ihnen fehlt ein Thema, mit dem sich Wahlkampf machen lässt. Und weil die Parteispitze registriert hat, dass die SPD mit der Gerechtigkeitsfrage punktet, legen die Grünen nun eigene Vorschläge vor, wie mit Langzeitarbeitslosen umzugehen sei. Aber in sozialen Fragen wählen die Leute lieber die Sozialdemokraten. Parteienforscher Falter: «In gesellschaftspolitischen Fragen haben die Grünen parteiintern grosse Differenzen.»

Martin Schulz stiehlt dem grünen Spitzen-Duo Cem Özdemir und Katrin Göring-Eckhardt weiterhin die Show. Nicht zuletzt deshalb, weil er als Neuling in der Innenpolitik Aufbruch verkörpert. Das lässt sich von Göring-Eckhardt und Özdemir, die die Partei seit Jahren repräsentieren, nicht behaupten. Der Karnevalsauftritt der Spitzenkandidatin in Nordrhein-Westfalen brachte ihr zwar Sympathien ein, kaum aber Stimmen für die Grünen. Im Mai wird im bevölkerungsreichsten Bundesland ein neuer Landtag gewählt, und die Grünen sind in Umfragen auch hier eingebrochen. Für die Trendwende braucht es mehr als einen Auftritt an der Weiberfasnacht.