«Soll das ein Scherz sein?» So reagierten viele Bewohner von Marseille, als ihre Stadt - neben dem slowakischen Košice - den Zuschlag für die europäische Kulturhauptstadt 2013 erhielt. Die Marseiller pflegen ihren Lokalstolz, sie lieben ihre Stadt, aber sie sind auch genug selbstironisch, rebellisch, wenn nicht ein wenig «fada» (verrückt), wie sie selber sagen, um gegenüber internationalen Auszeichnungen skeptisch zu sein.

Gewiss, die Stadt hat ihre Vorzüge, etwa die Fischschuppe Bouillabaisse oder der beschwingte Stadtstrand; das Licht des Midi und den reinigenden Mistralwind, den Fussballclub Olympique Marseille und Zinedine Zidane, das Château d’If des Grafen von Monte-Christo auf einer Felsinsel und die imposante Basilika Notre-Dame de la Garde auf einem Stadthügel. Schopenhauer nannte Marseille eine der schönsten Städte, Erika Mann eine der abenteuerlichsten.

Zugleich ist Marseille chaotisch, bettelarm, übel beleumundet. Die Hälfte der Einwohner zahlt keine Einkommenssteuer; ein Fünftel lebt in akuter Armut, ebenso viele dürften arbeitslos sein. Gangsterbanden wie die «Brise de mer» (Meeresbrise) lassen sogar die Marseiller Romantrilogie von Jean-Claude Izzo als Kinderbuch erscheinen. Müll- und Dockerstreiks sind so häufig wie in Neapel. In Marseille ist die Mafia zwar weniger eingenistet; die Banlieue-Viertel im Norden sind aber noch furchtbarer: Hier dealen sogar die Gendarmen, und die Drogencaids erledigen sich nach so genannter Barbecue-Manier (im Auto erschossen und verbrannt), sodass die Quartierbürgermeisterin Samia Ghali gar einen Armeeeinsatz forderte.

Und so etwas soll Kulturhauptstadt sein? Eine Stadt, die genug mit sich kämpft, um noch Zeit für Kunst zu haben, von der schon Stendhal schrieb, in Marseille lese man keine Bücher?

Ja, doch, am Wochenende wird der Bürgermeister Jean-Claude Gaudin mit seinem filmreifen Provence-Akzent die Feiern von «Marseille Provence 2013» eröffnen. Und feiern können sie, die 800 000 Einwohner der «ville métissée», der Mestizenstadt, eines Schmelztiegels, wo jeder von irgendwoher kommt – Polen, Armenien, Italien, Algerien, Senegal, neuerdings auch China und Tunesien.

Der deutsche Vizedirektor von «Marseille Provence 2013», Ulrich Fuchs, fühlte sich in diesem Völkergemisch «willkommener» als in Linz, der von ihm 2009 inszenierten Kulturhauptstadt. Die Einwanderung mache die Marseiller «authentisch, weil sie am eigenen Leib erfahren, was es heisst, in einer Stadt anzukommen», sagte er in einem Interview.

Als Kulisse wählte der massige Bayer das immense Hafengebiet, wo die Algerier mit der Fähre in ihre Heimat übersetzen, mit Kühlschränken und Luftkühlern auf den Autodächern. Die ehemaligen Docks haben ein völlig neues Gesicht erhalten, zusammenoperiert von Stararchitekten aus aller Welt, und das für den Pappenstiel von 680 Millionen Euro. Darunter ist das Mucem, das erste Museum für europäische und mediterrane Zivilisation. Eine zeitgeschichtliche Ausstellung hatte es in Marseille zuvor gar nicht gegeben - denn die meisten Immigranten hätten ihre Vergangenheit auch mental hinter sich gelassen, erklärt Fuchs.

Neu sind auch zwei Kulturzentren: Le Silo, ein einstiges Weizenlager, und die Villa Méditerranée, ein Begegnungsort über das Mittelmeer hinweg. Seine spektakuläre Form eines Sprungturms richtet sich ans andere, tausend Kilometer entfernte Ufer in Afrika. «Marseille hatte schon immer das Zeug, zur Drehscheibe mediterraner Kultur zu werden», meint der ortsansässige Soziologe Laurent Mucchielli. «Jetzt ist die Stadt soweit.»

Im Kleinen und Konkreten schafft sie vielleicht, was Nicolas Sarkozy 2008 mit der nebulösen, heute scheintoten «Mittelmeerunion» angestrebt hatte: den Schulterschluss um die gemeinsamen Gestade der westlichen Zivilisation. Entsprechend feierliche Worte werden bei der Einweihung des Marseiller Kulturjahres sicher auch Frankreichs Präsident François Hollande und EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso wählen.

Den Zuschlag zur Kulturhauptstadt hat die älteste, von kleinasiatischen Phokäern vor 2600 Jahren gegründete Stadt Frankreichs aber nicht nur wegen seiner Funktion als mediterraner Melting Pot erhalten. Es ist auch die Belohnung für eine milliardenschwere Sanierung. Marseille war Ende des 20. Jahrhunderts wie die meisten mediterranen Hafenstädte in eine tiefe Krise geschlittert, unternimmt aber heute gewaltige Anstrengungen, den Anschluss an die globale Welt wieder herzustellen. Wahrzeichen ist der von Zaha Hadid gebaute, 147 Meter hohe Sitz der CMA-CGM, der drittgrössten Reederei der Welt. Rund herum entstehen 35 000 Arbeitsplätze, 18 000 Wohnungen, 60 Hektaren Grünfläche. Es ist die grösste urbane Renovation Südeuropas, laut Fuchs «fast eine Veränderung, wie sie Berlin durch die Maueröffnung mitgemacht hat».

Wie immer richtet das etatistische Frankreich mit der grossen Kelle an, wenn es die Dinge einmal in die Hand nimmt. Auf der Strecke bleibt ein wenig das unnachahmliche Flair der Stadt, insbesondere Le panier, das Maghrebinerviertel, das sich mitten im Stadtzentrum wie ein orientalischer Basar gehalten hatte: Es wird gesäubert und für die anwohnenden Griechen, Korsen und Algerier immer unerschwinglicher; sie ziehen mehr und mehr in die Nordquartiere und fördern damit die ethnische und soziale Segregation. Nur den rechtsextreme Front National freuts. Er verhinderte auch, dass die neue Moschee Marseilles, die grösste Frankreichs, in das urbane Renovationsprogramm integriert wird.

Am Vieux port, dem alten Hafen, schuf Architekt Norman Foster mehr Fussgängerzonen, doch halten weniger Fischweiber als früher ihre Ware feil. Das Ganze wirkt etwas zu herausgeputzt, zu konzipiert für das schräge Marseille. Aber vielleicht gibt sich das bald in dieser widerspenstigen Stadt.