Front National

Marion Le Pen, der blonde Engel mit der harten Hand

Marion Le Pen setzt die Familientradition fort.

Marion Le Pen setzt die Familientradition fort.

Beim Front National tritt die dritte Generation an: Marion Le Pen kandidiert bei den Parlamentswahlen in der Provence. Sie ist erst 22-Jährig und die Nichte von Marine Le Pen , die bei den Präsidentschaftswahlen kandidierte.

In der Altstadt von Carpentras ist die Apartheid freiwillig: Vor der «Bar du marché» sitzen maghrebinische Männer im Schatten der Platanen, vor der «Bar des Glaces» die weissen Franzosen. Alle verfolgen das laute Spektakel einer Hochzeit, bei der nicht nur die Braut einen Kopfschleier trägt. Eine ältere Passantin lässt ihre beiden Pudel an einen Blumentrog pinkeln und meint: «Es ist schmutzig hier, es hat zu viele Araber.»

Der Hotelwirt hatte bei der Ankunft gewarnt, Carpentras habe einen «üblen Ruf». Hier schändeten Neonazis 1990 den jüdischen Friedhof und gruben eine Leiche aus. Und hier erzielte die Präsidentschaftskandidatin des rechtsextremen Front National (FN), Marine Le Pen, im Mai mit fast 30 Prozent der Stimmen eines ihrer besten lokalen Resultate.

Gute Chancen

Carpentras, 30 000 Einwohner, am Rande des Weingebietes der Côtes du Rhône gelegen, ist tief gesunken. Schon im 13. Jahrhundert ein Hort der Toleranz gegenüber verfolgten Juden, florierte der malerische Ort dank der nahen Papststadt Avignon. Doch die lokale Landwirtschaft ist seit Jahrzehnten in ihren alten Strukturen gefangen und hält mit der Globalisierung nicht mehr Schritt. 13 Prozent Arbeitslose zählt das Department Vaucluse, mehr als der französische Schnitt. Auf den Melonenfeldern und in den Kirschbaumhainen dominieren die Arbeiter aus Nordafrika, an den Wahlurnen die Rechten. Die Dame mit den Pudeln weiss noch nicht so recht, wem sie am Sonntag die Stimme geben soll. Die beiden Hauptkandidaten für einen Sitz in der Pariser Nationalversammlung vertreten politisch ähnliche Positionen rechts aussen. Persönlich könnten sie aber nicht unterschiedlicher sein.

Jean-Michel Ferrand, ein 70-jähriger Politfuchs mit rotbraun gefärbten Haaren, gehört zur «Droite populaire», das heisst zum rechten Flügel der konservativen Partei UMP. Der seit 1988 wiedergewählte Abgeordnete beschenkt die Wähler und boykottiert die Journalisten.Dem Platzhirsch tritt eine Jurastudentin aus Paris entgegen, Marion Maréchal-Le Pen. Die 22-jährige Nichte von Marine Le Pen und Enkelin des Parteigründers Jean-Marie Le Pen hat laut der Lokalpresse gute Chancen, zusammen mit Ferrand in die Stichwahl vorzustossen.

Schaffte es nicht, einen Einheitskandidaten zu portieren

Die Linkskandidaten sind Statisten dieses Duells. «Alle reden nur von Marion», meint die Sozialistin Catherine Arkilovitch kopfschüttelnd. «Dabei verschärfen sich hier die sozialen Gräben.» Ein Viertel der Erwerbstätigen, vor allem Frauen und Immigranten, verdienten weniger als 850 Euro, lebten also unter der offiziellen Armutsgrenze, meint die Psychologin und Arbeitsvermittlerin. «Diese Nordafrikaner machen Feldarbeiten, die die Franzosen nicht ausüben wollen. Aber diese wählen trotzdem Front National, um die Ausländer aus dem Land zu werfen.»

Roger Martin von der «Linksfront» erzählt bei einem kleinen Wahlfest am Rande der Altstadt: «Ich kenne einige Winzer, die für die Lepenisten stimmen, in ihren Rebbergen aber nur Marokkaner beschäftigen.» Der pensionierte Lehrer setzt sich für eine Tiernahrungsfabrik ein, in der 90 Arbeitsplätze bedroht sind. Mit der zunehmenden Sozialnot in Südeuropa hätte die Linke an sich gute Wahlchancen, meint Martin. Sie schaffte es aber nicht, einen Einheitskandidaten zu portieren. «So liefern wir den Wahlkreis an Ferrand oder den FN aus», analysiert Martin trocken.

Anständig, fast schüchtern

Marion Le Pen,Tochter einer Schwester von Marine und eines ehemaligen Frontisten, beackert derweil den Wochenmarkt in Monteux, einem Vorort von Carpentras. Die schlanke Blonde mit dem mädchenhaften Teint verteilt Flugblätter mit Forderungen wie «Stopp der Immigration», «Nulltoleranz für Delinquenten» oder «Ende der Straflosigkeit für die Schiebereien der Politeliten». Gegenüber den Marktbesuchern vermeidet sie solche bösen Worte. Anständig, fast etwas schüchtern, tauscht sie Wangenküsschen mit Marktbesuchern, die ihre politische Gesinnung dadurch offen zum Ausdruck bringen. «Ich habe schon für ihren Grossvater und ihre Tante gestimmt», erklärt eine Verkäuferin, Marion eine Kiste mit Bonbons hinhaltend. Ein älterer Maghrebiner, dem Le Pen ebenfalls ein Flugblatt hinstreckt, lehnt dankend ab, die chinesische Pouletverkäuferin will hingegen mit der Kandidatin aufs Bild.

Beflissen schaut Marion Le Pen weg, als ein paar Gleichaltrige auf dem Marktplatz auftauchen und ihrerseits Anti-FN-Traktate verteilen. Es sind Vertreter der jüdische Studentenorganisation UEJF, extra aus Paris gekommen. Ihr Anführer Jonathan Hayoun erklärt, Marion Le Pen sei nur «die hübsche Fassade ihres greisen Grossvaters»: Der sei schon zwanzigmal wegen rassistischer oder antisemitischer Sprüche verurteilt worden; und der Schändung des jüdischen Friedhofs in Carpentras habe er mit seinen Hasstiraden auch Vorschub geleistet.

Die neue Generation

Ein paar Stunden spätersind die Lepenisten bei einem Wahlauftritt in der Nachbarstadt Ile-sur-la-Sorgue unter sich. Marion poltert mit Anspielung auf Ferrand gegen den «Klientelismus derjenigen, die harte Worte, aber eine weiche Hand haben», und ruft aus: «Wir sind die neue Generation des Front National!» Rassistische oder auch nur fremdenfeindliche Parolen hört man von ihr nicht. Dafür applaudiert die charmante Enkelin begeistert, als ihr Opa Le Pen auf der Bühne gegen die Immigranten giftet, die «nicht ganz» Franzosen werden, selbst wenn sie die Staatsbürgerschaft erhalten. Oder als der FN-Chef lästert, Marseille sei «keine europäische Stadt mehr».

Die Le Pens hingegen hält der Begründer der Politdynastie, wie er im kleinen Journalistenkreis sagt, für «eine gute Rasse». Marion wird sie fortsetzen, im Front Familial.

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