Die ganze Nacht hindurch bis kurz vor Mittag verhandelten die EU-Staats- und Regierungschefs in Brüssel über die Nachfolge von EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker und weiteren Topjobs. Allein: Es hat auch dieses Mal nicht geklappt. Um 12.19 Uhr teilte EU-Ratspräsident Donald Tusk mit, das Gipfeltreffen werde unterbrochen und am Dienstag um 11 Uhr fortgesetzt. Ein von Bundeskanzlerin Merkel mit Frankreichs Präsident Emmanuel Macron forcierter Kompromiss, den Sozialdemokraten Frans Timmermans an die EU-Spitze zu setzen, scheiterte am Widerstand aus Osteuropa. Aber auch in Merkels eigener Parteienfamilie, der christdemokratischen Europäischen Volkspartei (EVP), wehrte man sich gegen den «Plan Timmermans». Frankreichs Präsident Emmanuel Macron spricht von "Versagen". 

Die unter Journalisten und Diplomaten «Sushi-Deal» genannte Lösung wurde am Rande des G20-Gipfels im japanischen Osaka von den dort anwesenden EU-Regierungschefs aufgegleist. Zentral war Merkels Einsicht, dass ihr Kandidat, der bayrische EU-Abgeordnete Manfred Weber, weder unter den Staats- und Regierungschefs noch im EU-Parlament eine Mehrheit finden kann.

Eine Wahl Timmermans, der als Sozialdemokrat der zweitstärksten Fraktion angehört, war da aussichtsreicher. Er hat im Gegensatz zu Weber die Rückendeckung von Macron und ist als ehemaliger Spitzenkandidat auch für das EU-Parlament wählbar, das darauf beharrt, nur jemanden zum Kommissionspräsidenten zu machen, der vorher bei den EU-Wahlen angetreten ist. Im Gegenzug sollte Weber das Präsidium des EU-Parlaments erhalten.

Allerdings brandete im Verlauf des gestrigen Abends offener Widerstand gegen den «Sushi-Deal» auf. Einerseits in den Reihen von Webers und Merkels eigener Partei, den Europäischen Christdemokraten (EVP). So kritisierten verschiedene EVP-Regierungschefs, dass man den Sozialdemokraten das wichtigste EU-Amt einfach so überlasse. Andererseits haben Polen und Ungarn grundsätzlich etwas gegen Timmermans, weil er als EU-Kommissar gegen deren umstrittenen Justizreformen vorging. Tschechien und die Slowakei sollen ebenfalls skeptisch gewesen sein und Italien haben den Niederländer ebenfalls abgelehnt haben.

Bundeskanzlerin Angela Merkel sagte bei ihrer Pressekonferenz, es hätte keinen Sinn gemacht, die Lösung gegen den Widerstand mehrere «grosser Länder» durchzudrücken. Dies, auch wenn ein Mehrheitsentscheid formell möglich gewesen wäre. Was sich bis morgen an der Ausgangslage ändern werde, wisse sie auch nicht, so Merkel. Trotzdem sei es besser, noch einen Tag länger zu verhandeln, als fünf Jahre lang mit Spannungen zu arbeiten. Ein sichtlich verärgerter Emmanuel Macron sprach hingegen davon, dass man sein «sehr schlechtes Bild abgebe». Macron: «Niemand kann zufrieden sein, mit dem was sich in so vielen Stunden abgespielt hat». Die EU könne nicht mit der Welt über die grossen Themen wie Geopolitik und Klimawandel sprechen und dann zu 28 zusammenkommen ohne etwas zu entscheiden. Er forderte umgehende Reformen der kollektiven Entscheidungsprozesse.