Wer könnte Donald Trump ernsthaft widersprechen? «Grossartig» will er sein Land machen, wenn er erst einmal Präsident ist. «Wieder grossartig». «Make America great again», da kann man doch nichts dagegen haben. Zumindest nicht, so lange der Spruch inhaltsleer bleibt.

Alles Mögliche lässt sich dann hineininterpretieren. Man kann ihn sogar ausleihen: «Make Schaffhausen great again», schrieb ein SVP-Lokalpolitiker auf seine Wahlplakate. Wer Sinn für Ironie hat, kann sogar noch viel Besseres damit machen: «Making my hair great again», machte eine Twitter-Nutzerin kurz nach der Wahl zum Motto ihres anstehenden Besuchs beim Coiffeur.

Die Sache hat jedoch einen Haken: Trumps Wahlspruch wirkt inhaltsleer, ist es aber nicht. Er ist gefüllt mit Fantasie. Trumps Fantasie.

Als der Riese noch ein Riese war

Was Trump wirklich denkt, hat freilich noch niemand herausgefunden. Zu sprunghaft wechselt er seine Positionen. Und doch gelang es der «New York Times» bereits im März in einem Interview, die Haltung hinter Trumps Wahlspruch aus dem damaligen Kandidaten herauszukitzeln.

Die Frage war simpel: Wenn Amerika wieder grossartig werden sollte, dann muss es ja mal eine Zeit gegeben haben, in der das Land zumindest in Sachen Verteidigung und Handel tatsächlich grossartig war. Eine Zeit, die als Vorlage für politische Projekte der kommenden vier Jahre dienen könnte. Und, in der Tat, die gibt es. Zunächst verwies Trump in der «Times» auf die Jahrhundertwende, in der Amerikas Unternehmertum das Land in wirtschaftliche Höhen trieb.

Dann griff er eine zweite Ära heraus: die späten 40er- und die 50er-Jahre. Für den kommenden Präsidenten der Vereinigten Staaten eine Zeit, «in der uns niemand herumgeschubst hat, in der wir von allen respektiert wurden».

Zurück zu den Staublungen

Die 50er als Idealvorstellung eines starken Amerika, das sich nicht mehr herumschubsen lasse? Stephan Bierling, Professor für Internationale Politik an der Uni Regensburg und Amerikaexperte, sagt zu den Vorstellungen des künftigen Staatsoberhauptes: «Trump versteht unter dem Amerika der 50er etwas anderes, als es die Realität war.»

Er sehe das starke Amerika, weltpolitisch dominierend, mit einer florierenden Wirtschaft, «wo der weisse Mann den Ton angab». Die Hoffnung sei jedoch irreal, sagt Bierling, «denn in vielen Bereichen waren die 50er nicht so toll, wie er es sich vorstellt». Zu versprechen, den Leuten in West-Virginia die Jobs im Kohlebergbau zurückzugeben, sei nicht unbedingt fortschrittlich.

«Der Kohlebergbau mit den hohen Unfallquoten, den Staublungen und einer Lebenserwartung von knapp über 60 ist nun wirklich nicht das, was eine Industrienation modernen Zuschnitts heute braucht», sagt Bierling. «Alles, was er sich über die 50er zusammenhalluziniert, hat so nie stattgefunden.» Auch den Zweck, den er auf Basis dieser Fantasien im Sinn habe, werde Trump nicht erreichen können: «Die Megatrends, die wir in allen Industriestaaten und besonders auch in den USA beobachten, wird Trump nicht aufhalten können.»

Zählt man all jene Äusserungen Trumps zusammen, die einen Rückschritt für Amerika in überwunden geglaubte Zeiten bedeuten würden, bleibt jedoch die Befürchtung, dass er es zumindest versuchen könnte. Selbst wenn also Trump Entwicklungen wie die Globalisierung und die Digitalisierung nicht stoppen kann, bleibt eine Frage offen: Wie sehr kann Trump die USA abschotten?

Die Zähmung des Donald T.

Bei den internationalen Handelsverträgen liegt der Fall so: «Wenn Präsident Trump aussteigen will, kann er das tun. Das ist so bei Staatsverträgen», sagt Charlotte Sieber-Gasser, Handelsexpertin an der Uni Luzern. Während der amerikanische Präsident zwar im Alleingang einen Staatsvertrag kündigen kann, braucht er aber dennoch die Unterstützung des Kongresses für die damit verbundene Anpassung der nationalen Gesetze. Dies dürfte das eine oder andere Vorhaben des Präsidenten erschweren.

Um die weltweite Vernetzung der US-Wirtschaft aufzuheben, reiche die Kündigung von Handelsverträgen jedoch gar nicht aus, betont Sieber-Gasser. Der amerikanische Markt sei ebenso wie der europäische Markt Teil von globalen Wertschöpfungsketten, welche auch ohne amerikanische Handelsverträge weiter bestehen. «Die Unternehmen werden daher international integriert bleiben», sagt sie. Falls nötig, würden mobile multinationale Unternehmen eben ihre Produktionsketten geografisch optimieren und vermehrt auf andere Länder ausweichen.

Nach Donald Trumps Wahlsieg gingen in vielen Städten der USA unzählige wütende Menschen auf die Strasse: 

In den USA selbst, fügt die Handelsforscherin an, bestünden Zweifel, dass Trump seine Ankündigungen tatsächlich durchzieht. Es sei denkbar, dass die Äusserungen von Trump dazu dienen, sich für Nachverhandlungen von Verträgen in eine gute Ausgangsposition zu bringen. Einige dieser Verträge, sagt Sieber-Gasser, seien in der Tat recht alt und eine Überarbeitung erscheine durchaus sinnvoll.

Möglicherweise – und das wäre wohl ganz im Sinne von Trumps Charakter – ist er in Sachen Welthandel schlicht auf der Suche nach einem «noch besseren Deal».

Die Geheimwaffe

Und wenn Trump nun doch die Abschottung will? Zuletzt drohte er, Waren von US-Firmen, die mit einer Produktionsverlagerung ins Ausland liebäugeln, mit einer Steuer von
35 Prozent zu belegen. Sollte er solche Drohungen wahr machen wollen, könnte er möglicherweise Hindernisse wie die «checks and balances» des US-Politsystems einfach aushebeln.

Möglich macht das eine regelrechte Geheimwaffe im US-Handelsrecht. Paragraf 301 des US-Handelsgesetzes von 1974 erlaubt es dem Präsidenten unter anderem, Einfuhrzölle als Reaktion auf ausländische Handelsschranken zu erheben.

Laut US-Magazin «Politico» haben Präsidenten während der 1980er-Jahre häufig Paragraf 301 eingesetzt oder zumindest mit dem Einsatz gedroht, etwa, um Zugeständnisse von Handelspartnern zu erzwingen – auch auf die Gefahr hin, einen Handelskrieg auszulösen. Seit der Gründung der Welthandelsorganisation (WTO) sei der Paragraf weitgehend ungebraucht.

Trump könnte das ändern. Der Einsatz wäre jedoch hoch. Denn die Vernetzung der US-Firmen ist heute wesentlich dichter als in den 80ern. Viele sind auf Zulieferer in aller Welt angewiesen. Die Androhung von Importzöllen könnte wirkungslos bleiben.

Trump, so mutmasst auch «Politico», hätte dann wohl keine andere Wahl, als den Drohungen Taten folgen zu lassen. Ein offener Handelskrieg mit heutigen Partnern aus Asien oder Europa käme für die USA jedoch teuer – und könnte Trump letztlich den politischen Rückhalt kosten. In jedem Fall aber bestünde die Gefahr, dass die mühsam ausgetüftelten Handelsbeziehungen ernsthaften Schaden nehmen.

Mühsam könnte es also werden unter dem 45. US-Präsidenten. Dennoch liegt selbst im Risiko Trump eine Chance. Namentlich in der Überarbeitung von jahrzehntealten Handelsverträgen mit veraltetem Inhalt. Dazu wird jedoch entscheidend sein, dass sich Trump nicht an der falschen Ära amerikanischer Wirtschafts- und Handelspolitik orientiert.