Es sollte ein Heimspiel im doppelten Sinne werden: Emmanuel Macrons Auftritt im EU-Parlament in Strassburg. Wo sonst sollte sich der Präsident Frankreichs, der seinen Wahlsieg von vor einem Jahr mit Beethovens Europahymne «Ode an die Freude» feierte, mehr zu Hause fühlen, als im Herzen der europäischen Demokratie? Und die EU-Parlamentarier, von Haus aus Berufseuropäer, müssten dem europhilen Jung-Regenten grösstenteils wohlwollend zugeneigt sein.

Doch so einfach ist es nicht. Seit Macron vor sieben Monaten an der Pariser Sorbonne-Universität sein flamboyantes Plädoyer für eine «Neugründung der EU» abgehalten hat, weht ihm ein rauer Wind entgegen. Er ist in der Realpolitik angekommen. Einerseits im eigenen, durch Streiks und Proteste gelähmten Land. Aber auch auf Europa-Ebene, wo Macron mit seiner Reform-Agenda aufläuft. Das liegt nicht nur an der begrenzt manövrierfähigen Bundeskanzlerin Angela Merkel, die als Kernpartnerin noch immer auf sich warten lässt. Oder an einem Kommissionspräsidenten Jean-Claude Juncker, der in seinem Amt zunehmend ermattet. Allgemein hat sich die politische Grosswetterlage aus der Warte Macrons deutlich eingetrübt.

Personifiziert wird dieser Umschwung in Ungarns rechtsnationalem Ministerpräsidenten Viktor Orbán und seinem fulminanten Triumph vom vorletzten Wochenende. Er ist mit seinem Anti-Brüssel-Kurs der direkte Antagonist des Turbo-Europäers im Elysée. Macron nimmt denn auch mehr oder weniger direkt auf Orbán Bezug und spricht von einem «Bürgerkrieg zwischen liberalen und illiberalen Ideen» in Europa. Kämpferisch verlangt er, den «autoritären Demokratien» die «Autorität der Demokratie» gegenüberzustellen. Macron: «Ich will nicht zu einer Generation der Schlafwandler gehören, die ihre Vergangenheit vergessen haben». Werte wie Diversität, der Schutz von Minderheiten und die Gleichstellung zwischen Mann und Frau seien weder abstrakt noch veraltet, sondern ein einzigartiges Erfolgsmodell. Macron: «Die Demokratie ist Europas Trumpfkarte angesichts der Wirren in der Welt und ein Schatz, den es seit 60 Jahren zu verteidigen gilt».

Ergebnisse bis zur Europawahl

Es ist eine eigentliche Mutrede, zu der Macron am Dienstag ansetzt. Bewusst verzichtet er darauf, die ambitioniertesten seiner Reformvorschläge, etwa für einen Euro-Finanzminister oder ein Euro-Zonen-Budget, konkret einzufordern. Wohlwissend, dass diese gegenwärtig so nicht realisiert werden können. Nur einmal warnt er wohl mit Blick auf Deutschland: «Alles auf die lange Bank zu schieben wäre gleichbedeutend mit Lähmung». Bis zur Europawahl, das verlangt er energisch, müssten Ergebnisse vorliegen. Etwa bei der Vollendung der Bankenunion und der Einlagensicherung, welche Kompromisse sind, die auch eine angeschlagene Merkel durchzusetzen weiss.

Macron macht aber auch Angebote. Zum Beispiel sei Frankreich bereit, seinen Beitrag zum EU-Budget zu erhöhen, wenn die Ausgabenverteilung vernünftig organisiert werde. Das dürfte bei den süd- und mitteleuropäischen Staaten auf offene Ohren stossen. In der Migrationsthematik stellt sich Macron an die Seite Berlins und befürwortet den Vorschlag, aufnahmewillige Kommunen und Region zu belohnen. Die «vergiftete» Debatte um die Flüchtlingsverteilung müsse überwunden werden, damit die Reform des europäischen Asylsystems endlich vorankomme, so Macron.

Nicht nur französisch oder deutsch

In der folgenden zweieinhalbstündigen Debatte hört sich der französische Präsident geduldig die Voten der EU-Parlamentarier an. Manfred Weber, Vorsitzender der grössten Fraktion der Europäischen Christdemokraten, warnte Macron davor, die Menschen in «gute und schlechte Europäer» zu trennen. Zudem betonte er, gebe es nicht nur die Achse Frankreich-Deutschland. Ähnlich äusserte sich auch Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker: «Wir sind 27 und nicht nur französisch oder deutsch».

Macron zeigte viel Verständnis für diesen Einwand, wies jedoch auch darauf hin, dass ohne ein «Mindestkompromiss» zwischen den beiden Grossmächten in der EU gar nichts vorwärtsgehe. Ermunternde Worte fand der Liberale Guy Verhofstadt. Er gab Macron schlicht den Ausspruch des französischen Revolutionärs Georges Danton mit auf den Weg: «Kühnheit, Kühnheit, noch mehr Kühnheit – und Europa ist gerettet!»