Wie haben Sie als überzeugter Europäer spontan auf den Brexit reagiert?

Daniel Cohn-Bendit: Ich habe in einer Nacht alle Gemütsverfassungen durchlebt – zuerst erschlagen, dann wütend, rachsüchtig und schliesslich offensiv. Ich denke mittlerweile, dass es eine demokratische Abstimmung war, die wir rigoros durchsetzen müssen. Wobei es zuletzt an den Brexit-Gegnern liegen würde, eine neue Abstimmung zu verlangen. Das können nur die Brexit-Sieger. Wenn sie in einem Jahr nach Canossa gehen und sagen wollen, sie hätten sich getäuscht, umso besser. Nigel Farage widerrief schon am Tag nach der Abstimmung sein Argument, der Brexit werde es erlauben, die 350 Millionen Pfund an britischen EU-Beiträgen nach England zurückzuholen und in das britische Gesundheitssystem einzuspeisen. Ausserdem hört man nun aus seinem Lager, die Grenzen zur EU würden offen bleiben. Das ist schlicht verrückt.

Boris Johnson, der konservative Abstimmungssieger, äusserte sich auch nicht gerade triumphal.

Weil er Angst vor den Folgen hat. Und aus Feigheit. Er weiss, dass er sich auf etwas Unmögliches eingelassen hat, und dass er in der Abstimmungskampagne unaufrichtig war.

Die EU-Grössen wurden allerdings auch auf dem falschen Fuss erwischt.

Die EU-Kommission hatte die Möglichkeit eines Brexit vorbereitet. Woran niemand dachte, war, dass David Cameron danach selber auf die Bremse stehen würde, um das Austrittsgesuch nicht selber einreichen zu müssen. Jetzt ist es bis im Oktober aufgeschoben, was auch für die EU eine Zeit der Unsicherheit bedeutet.

Während Frankreich Dampf macht, dass die Briten ihren Entscheid raschmöglichst umsetzen, hat es Deutschland aber auch nicht eilig.

Deutschland sorgt sich um seinen drittgrössten Exportmarkt – den britischen. Es ist doch aussergewöhnlich zu sehen, wie sich Angela Merkel windet: Sie fragt sich, wie sie den Brexit zwar akzeptieren soll, aber ohne einen wirklichen Brexit zu bewirken; wie sie die Briten als Handelspartner bewahren kann, auch wenn die «draussen» sind. Zudem will sich Merkel nicht allein, das heisst ohne die liberalen Briten, mit dem französischen Präsidenten François Hollande im Boot finden. Aber es wäre schon ein starkes Stück, wenn Berlin am Schluss sogar noch dafür sorgt, dass die Londoner City ihren «EU-Pass» und damit den Zugang zu den europäischen Kapitalmärkten behält.

Was meinen Sie zum Vorschlag, Grossbritannien ein norwegisches oder schweizerisches Statut zu verleihen?

Diese Länder haben das Schengen-Abkommen übernommen. Es wäre kurios, wenn die Briten aus der EU austreten, um danach in den Schengen-Raum einzutreten.

Kommen wir zur Kernfrage: Was soll die EU nach dem Brexit tun?

In einem ersten Schritt muss die EU endlich ihre Wirtschaft anwerfen, zum Beispiel mit einem «grünen New Deal», der Bildung einer dekarbonisierten Industrie sowie einer wirklichen Hilfe für junge Arbeitslose. Die sakrosankte Ein-Prozent-Grenze für das EU-Budget muss deshalb fallen, und auch Deutschland muss überzeugt werden, in die Tasche zu greifen.

Nötig ist also mehr Europa – während die Briten der EU den Rücken kehren?

Ja, gerade jetzt müssen wir an alten Gewissheiten rütteln. Die wichtigste politische Grenze verläuft nicht mehr zwischen links und rechts, sondern zwischen Proeuropäern und EU-Gegnern. Die Proeuropäer müssen sich zusammenraffen. Dafür muss Merkel die Linie ihres Finanzministers Wolfgang Schäuble aufgeben. In den nächsten zwei Jahren – bis die Briten austreten – müssen wir auf jeden Fall über die Bildung einer europäischen Souveränität reden.

Trotz der grassierenden EU-Skepsis?

Ja, wir müssen jetzt gegen den Trend gehen. Die Populisten machen heute nicht mehr als 30 Stimmenprozent. Die Proeuropäer kommen also noch auf 70 Prozent. Sie wissen, dass die EU der einzige Schutz gegen die Globalisierung ist.

Das scheinen aber zumindest die Briten nicht zu glauben ...

Weil die EU heute nicht wirklich eine Union ist, sondern nur die Summe der nationalen Souveränitäten. Machen wir Europa wirklich! Schaffen wir eine wirkliche europäische Armee mit 300 000 bis 400 000 Soldaten; föderalisieren wir den Haushalt. Das wäre nicht zuletzt das beste Mittel gegen die Bürokratisierung der EU, die durch 28 nationale Instanzen aufgebläht wird.