Didier Burkhalter gilt von allen Bundesräten als der trockenste. Übertreibungen und emotionale Äusserungen liegen dem amtierenden Bundespräsidenten fern.

Umso aussergewöhnlicher war sein Auftritt bei den Olympischen Spielen in Sotschi vor knapp einem Monat: Bei seiner Rede im «House of Switzerland» begrüsste er seinen russischen Amtskollegen Sergei Lavrow mit «lieber Sergei».

Er lobte die intensiven Beziehungen zwischen Bern und Moskau, sprach von Freundschaft und gemeinsamem Vertrauen. Offizieller Anlass für Burkhalters Ansprache war das 200-Jahr-Jubiläum der diplomatischen Beziehungen.

Doch die Gründe für die überschwänglichen Freundschaftsbekundungen liegen tiefer: «Die Schweiz geriet in den vergangenen Jahren zusehends unter Druck der EU und der USA. In der Folge versuchte man, sich breiter abzustützen, und fand mit Russland einen neuen Partner von einem gewissen Gewicht», erklärt Ex-Diplomat Max Schweizer, der heute an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) unterrichtet.

Reger Kontakt

Die Landesregierung investiert viel Zeit und Energie in die Beziehungen zu den Russen. Ob Didier Burkhalter, Doris Leuthard, Ueli Maurer, Johann Schneider-Ammann oder Alain Berset: Sie alle sind in den letzten drei Jahren zum Teil mehrmals nach Russland geflogen.

Auch für Moskau ist die Eidgenossenschaft laut Ex-Diplomat Schweizer ein «geostrategisch interessanter» Partner. «Unser Land liegt im Zentrum von Westeuropa, es hat einen wichtigen Finanzplatz und ist eine Drehscheibe für den internationalen Rohstoffhandel.»

Schon mehrmals spielten sich die beiden ungleichen Länder auf dem internationalen Parkett Bälle zu:

Die Schweiz erreichte 2011, dass Georgien den Widerstand gegen den Beitritt Russlands zur Welthandelsorganisation aufgibt.

Russland wiederum erfüllte der Schweiz einen dringenden Wunsch und lud sie an vier Treffen der G-20-Finanzminister und Zentralbankchefs ein.

Max Schweizer findet die engen Bande aber nicht nur positiv: «Die Schweiz lässt in einzelnen Fällen die nötige Distanz vermissen – zum Beispiel, wenn die Armee in Andermatt russische Gebirgssoldaten ausbildet. Als Kind des Kalten Krieges wäre ich da zurückhaltender.»

Gleiches Dilemma für alle Länder

Der Aufmarsch russischer Truppen auf der ukrainischen Halbinsel Krim stellt die schweizerisch-russische Freundschaft auf eine harte Probe.

Zwar sagte Bundespräsident Burkhalter gestern vor dem UNO-Menschenrechtsrat in Genf, die territoriale Integrität der Ukraine müsse respektiert werden – dies jedoch in erster Linie in seiner Funktion als aktueller Vorsitzender der Organisation für Zusammenarbeit und Entwicklung (OSZE).

Die offizielle Schweiz hält sich mit Äusserungen zur angespannten Lage auf der Krim zurück.

Laut dem Staatssekretariat für Wirtschaft sollen die Gespräche mit Russland über ein Freihandelsabkommen mit den Efta-Staaten Schweiz, Norwegen, Island und Liechtenstein wie geplant im April stattfinden.

Luzius Wasescha, ehemaliger Schweizer Botschafter bei der Welthandelsorganisation in Genf, findet dieses Vorgehen richtig: «Für den Moment sollten wir die Verhandlungen fortsetzen. Wenn Russland in der Ukraine militärisch interveniert, wäre eine Sistierung aber sicher angebracht.»

ZHAW-Dozent Schweizer sagt, fast alle westlichen Länder stünden in ihren Beziehungen zu Russland vor einer schwierigen Situation.

Die Schweiz könne sich dem nicht entziehen und müsse einen Mittelweg einschlagen. «Das heisst: Prinzipien hochhalten und gleichzeitig nicht mit Kritik herausstechen.»