In Rom waren in der letzten Woche zwei Szenen zu beobachten, die anschaulich und geradezu symbolhaft den Zustand des Landes beschreiben.

Die erste Szene spielte vor dem Quirinalpalast, dem Amtssitz des Staatspräsidenten. Die riesige Piazza mit dem grandiosen Ausblick auf die Altstadt und auf Sankt Peter war von Dutzenden von dunklen, luxuriösen Dienstlimousinen der Spitzenpolitiker des Landes komplett zugeparkt. Staatsoberhaupt Giorgio Napolitano hatte die höchsten politischen Würdenträger zu den traditionellen «Auguri di natale», einer kurzen Ansprache mit anschliessendem Austausch von Weihnachtsglückwünschen, geladen.

Für das Volk eine Provokation

Für die Römer war der endlose, glitzernde Wagenpark auf dem Quirinal ein einziger provokativer Beweis dafür, dass die politische Elite noch immer nicht begriffen hat, was los ist in dem krisengeschüttelten Land. Die verhassten Dienstlimousinen sind längst der Inbegriff einer parasitären Politikerkaste, die sich jede Regelverletzung erlauben kann, die nur auf die eigenen Privilegien schaut und die für die Sorgen der Steuerzahler, die den ganzen Prunk finanzieren, weder Verständnis noch Interesse zeigen.

Protest floppt

Die andere Szene spielte sich zwei Tage später auf der Piazza del Popolo ab: Aktivisten der «Forconi» («Mistgabeln») hatten zu einem «Marsch auf Rom» aufgerufen, mit dem erklärten Ziel, die Regierung zu stürzen. Die «Mistgabel-Bewegung» hatte zuvor während zehn Tagen im ganzen Land mit Strassenblockaden Schlagzeilen gemacht.

In Rom endete der Protest der «Forconi» in einem kolossalen Flop: Statt der erhofften (mindestens) 15 000 Teilnehmer waren im besten Fall 3000 nach Rom gekommen. In den von der Piazza del Popolo wegführenden Einkaufsstrassen Via del Corso und Via del Babuino tummelten sich derweil mindestens zehnmal so viele junge Römer und Touristen bei ihren Weihnachtseinkäufen.

Dabei wäre der Protest gegen die Regierung berechtigt. Sogar «mehr als berechtigt», wie der Industriellen-Präsident Giorgio Squinzi diese Woche betonte. Der Staatshaushalt, den die Regierung von Enrico Letta vorgestern vorlegte, enthält nicht einmal ansatzweise irgendwelche Reformen, die diesen Namen verdienten.

Dabei hat die Krise in Italien Verwüstungen hinterlassen «wie ein Krieg», wie Squinzi betonte. In den letzten Jahren hat sich die Zahl der Arbeitslosen verdoppelt, ebenso das Heer der Italiener, die in Armut leben: Es zählt inzwischen fast fünf Millionen Menschen. Das Bruttosozialprodukt fiel seit 2007 um 9,1 Prozent, gleichzeitig stieg die Staatsverschuldung von 119 auf über 130 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung. «Eine Sauerei», sagt Squinzi unverblümt.

Keine Rezepte

Der überforderte Ministerpräsident Letta steht trotzdem keiner mächtigen Protestbewegung gegenüber. Im Gegenteil: Die «Forconi» bringen das Kunststück fertig, sich noch erbärmlicher zu präsentieren als die Exekutive.

Noch nie befanden sich in Italien Strassenproteste zahlenmässig, inhaltlich, organisatorisch und auch personell auf einem derart tiefen Niveau. Das Programm der «Forconi» besteht aus nur gerade drei reichlich plakativen Forderungen: «Weg mit der Regierung», «weg mit dem Euro» und «weg mit der Krise». Irgendwelche konkreten Rezepte für einen Ausweg aus dieser Krise hat man von den «Forconi» noch nie vernommen.

Schuldenmacher als Gallionsfigur

Das erschreckend tiefe Niveau des Protests wird vom Anführer der Kundgebung in Rom, Danilo Calvani, verkörpert. Beim selbst ernannten neuen Retter Italiens handelt es sich um einen 51-jährigen notorischen Schuldenmacher aus den von Benito Mussolini trockengelegten pontinischen Sümpfen südöstlich von Rom, dessen Kleinbetrieb vor einigen Monaten zwangsversteigert worden war.

Vor seiner plötzlichen Bekanntheit als Forconi-Führer war er Aktivist in der Partei eines neofaschistischen Carabiniere; die ganze Bewegung ist unterwandert von Rechtsextremen und Antisemiten. An einer Kundgebung von Genua erschien Calvani im gepfändeten Jaguar eines Freundes. Das verträgt sich schlecht mit den Parolen gegen die Dienstwagen der Politiker.

Dass die Italiener Leuten wie Calvani nicht auf den Leim gegangen sind, spricht für ihre politische Intelligenz und Reife. Dass hingegen trotz der schleichenden Verarmung Millionen Italiener neben den «Forconi» keine ernsthafte mit den demokratischen Werten und Grundsätzen im Einklang stehende ausserparlamentarische Protestbewegung entsteht, ist ein Beleg dafür, wie flächendeckend die Resignation, wie unendlich tief der Graben zwischen dem «Volk» und der sich nie erneuernden, zu Reformen unfähigen politischen Elite in Italien inzwischen geworden ist.