Als wäre nichts: Lächelnd, händeschüttelnd startete Emmanuel Macron im Nobelbadeort Le Touquet (Nordfrankreich) am Montag zu seinem Osterjogging. Vielleicht wollte er der Nation damit auch bedeuten, dass es ab sofort besser sei, sich zu Fuss vorwärtszubewegen.

Heute Dienstag und am Mittwoch wird der Verkehr in Frankreich weitgehend zum Erliegen kommen. Bei der Staatsbahn SNCF dürften laut ihren Prognosen vier Fünftel der Züge ausfallen.

Verschlimmert wird die Lage durch einen neuen Streik des Air France-Personals. Die Flüge der nationalen Airline werden reihenweise ausfallen. Millionen Arbeitspendler werden deshalb gezwungen sein, auf ihr Privatfahrzeug auszuweichen.

Die Verkehrsplaner befürchten Monsterstaus auf den meisten Autobahnzubringern und städtischen Einfallachsen. Einschlägige Webseiten, die Mitfahrgelegenheiten bieten – in Frankreich «covoiturage» genannt – verzeichnen Rekordumsätze, genauso wie der Fahrradverkauf in Sportgeschäften.

Einschneidende Reform

Die unüblich massive Streikbefolgung hat ihren Grund. Macron macht sich an das Heiligste des französischen Sozialrechtes – das Eisenbahnerstatut. Es verschafft den 140 000 «cheminots» einen lebenslangen Kündigungsschutz, 50 Urlaubstage und eine Rente mit 52 Jahren. Das geht ins Geld: Die SNCF steht heute mit 54,5 Milliarden Euro in der Kreide und ist sehr schlecht aufgestellt für die Marktöffnung, die Brüssel für 2020 angeordnet hat.

Macron will aus diesem Grund nicht nur das Personalstatut bei Neueinstellungen aufheben, sondern die Bahn auch in eine Aktiengesellschaft verwandeln. Damit würde sie die finanzielle Staatsgarantie verlieren und müsste sich auf eigene Beine stellen.

Die Gewerkschaften CGT, SUD, CFDT und Unsa sehen darin den «Beginn einer Bahn-Liberalisierung wie in Grossbritannien». Sie befürchten auch die Schliessung von kleinen, defizitären Regionallinien. Damit sucht die tonangebende CGT breite Kreise anzusprechen und heischt um Sympathie für einen Streik, den eine knappe Umfragemehrheit als egoistische Besitzstandswahrung privilegierter Bahnbediensteten ablehnt.

Doch das Blatt kann sich noch wenden. Um das Land nicht wie 1995 wochenlang lahmzulegen, befolgen die Gewerkschaften ein neuartiges Konzept: Sie streiken jeweils zwei Tage, gefolgt von drei Arbeitstagen. Die regelmässig aufgeschnürten Streiktage – daher der französische Fachterminus «grève perlée», Perlenstreik – dauern bis am 28. Juni, wenn die Bahnreform im Parlament verabschiedet werden soll. Ob dieses Vorgehen populär sein wird, ist fraglich. Während dreier jeweiliger Arbeitstage wird der Bahnverkehr jedenfalls kaum normal laufen.

Paris macht Zugeständnisse

Die Regierung hat am Osterwochenende ein gewisses Einlenken signalisiert. Entgegen früheren Ankündigungen verzichtet sie darauf, die Bahnreform teilweise per Dekret in Kraft zu setzen. Auch vertagt sie die Marktöffnung um mehrere Jahre: Ausländische oder private Betreiber werden zum Beispiel im Pariser Nahverkehr bis 2033 warten müssen, um Zutritt zum Schienennetz zu erhalten. Will ein «cheminot» zu dieser Privatkonkurrenz wechseln, behält er von Gesetzes wegen sämtliche SNCF-Konditionen, wie Elisabeth Borne erklärte.

Ob sie den Streik damit eindämmt? Bei den zu allem entschlossenen «cheminots» dürften diese frühen Signale eher als Schwäche ausgelegt werden. Die Regierung will aber offensichtlich einen Flächenbrand vermeiden. Denn neben SNCF und Air France streiken in Frankreich diese Woche auch die Müllabfuhr und der Energiesektor. Vereinzelt wird mit Stromunterbrüchen gerechnet.