Ob es denn nichts Wichtigeres als Weihnachtskrippen gebe, fragte Premierminister Manuel Valls vor einigen Wochen ziemlich verärgert. In Frankreich wogt diesbezüglich eine Debatte, die immer grundsätzlichere Züge annimmt.

An sich klingt sie wirklich belanglos: Was soll schon daran auszusetzen sein, wenn eine Gemeindeverwaltung eine hübsche Krippe mit dem Jesuskind ins Rathaus stellt und die biblische Szene mit Figuren von Maria und Josef, Ochs und Esel oder gar drei Königen ausstaffiert?

Die «Föderation der Freidenker», ein Zusammenschluss der in Frankreich sehr zahlreichen und sehr prinzipientreuen Laizisten, hält das – im weltlichen Sinn gesprochen – für eine schwere Sünde. Die säkulare Vereinigung fordert die Bürgermeister seit Jahren auf, keine Krippen mehr in ihre Amtsgebäude zu stellen. Meist vergeblich.

Deshalb ist der Verband nun zur Tat geschritten, hat er doch einzelne Gemeinden eingeklagt. Mit einem schlagenden Argument: Ein französisches Gesetz von 1905, das Kirche und Staat strikt trennt, verbiete die Zurschaustellung religiöser Objekte wie Kreuze, Davidsterne – oder eben Krippen.

In der westfranzösischen Stadt Nantes erhielten sie vor einigen Tagen Recht: Ein Gericht untersagte Krippen in öffentlichen Gebäuden. In Béziers am Mittelmeer erlitten die Laizisten hingegen eine Abfuhr. Im «Krippenkrieg», wie sich das Boulevardblatt «Le Parisien» ausdrückte, stand es damit 1:1.

Mehr Brauchtum denn Religion?

Nicht nur deshalb kam dem Krippen-Prozess im Pariser Vorort Melun erhöhte Bedeutung zu. «Hier leben auch andere Gläubige als Christen», meinte der Freidenkerverband mit Verweis auf den hohen Bevölkerungsanteil aussereuropäischer Immigranten. «Und sie könnten sich durch die Darstellung eines religiösen Zeichens verletzt fühlen.»

Der konservative Bürgermeister Gérard Millet bestritt, dass es sich um ein religiöses Objekt handle. Krippen beruhten in Frankreich auf einer jahrhundertealten Tradition, meinte er, und die Figürchen verkörperten eher ein Brauchtum als eine bestimmte Religion.

Das Verwaltungsgericht von Melun folgte dieser Sichtweise. In seinem Urteil erinnert es daran, dass Kruzifixe oder Marienstatuen zwar in Rathäusern untersagt seien; eine Krippe habe aber auch eine kulturelle und soziale Bedeutung, die über den religiösen Aspekt hinausgehe. Laut dem Anwalt des Bürgermeisters hält das – noch nicht publizierte – Urteil weiter fest, die gleiche Überlegung gelte für das ganze Weihnachtsfest, das in Frankreich ein gesetzlicher Feiertag sei.

Diese Argumentation wollen die Freidenker aber nicht akzeptieren. Gérard Docquin vom departementalen Ableger der Föderation schloss gestern nicht aus, Berufung gegen das Urteil einzulegen. Allein schon der Bischofsstab des einen Krippenkönigs unterstreiche die religiöse Seite der Einrichtung.

Auch Feiertage abschaffen

Zumindest in Béziers ging es auch um Politik: Der Bürgermeister der südfranzösischen Stadt, Robert Ménard, steht dem rechtsextremen Front National nahe und situierte seine Krippe ausdrücklich in der «jüdisch-christlichen Kultur Europas». Wenn man sie aus den Rathäusern verbanne, dürfe man auch Bachs Matthäus-Passion nicht mehr am öffentlichen Rundfunk übertragen, folgerte Ménard; konsequenterweise müsste man dann auch die katholischen Feiertage abschaffen.

Und er weiss: Diese Forderung wäre zweifellos noch unpopulärer als ein Krippenverbot, das laut einer Umfrage von 71 Prozent der Franzosen abgelehnt wird.

Das ist ein Grund mehr, dass die übrigen Grossparteien einen Bogen um die Krippen-Polemik machen. Die bürgerliche UMP erklärte, man solle aus einem Friedenssymbol wie den Krippen keinen Glaubenskrieg machen.

Der sozialistische Premier Valls vermeidet das Thema noch aus einem anderen Grund: Er hat derzeit die grösste Mühe, sein Projekt für die Ausweitung der Sonntagsarbeit bei den Gewerkschaften durchzubringen. Wenn die sozialpolitische Debatte um die Sonntagsruhe auch noch religiöse Züge annimmt, wird es wirklich kompliziert. All das wegen ein paar Weihnachtskrippen.