April Owens hat nichts dem Zufall überlassen. Bereits am Vorabend reiste die Frau aus Kingsport (Tennessee) an, um sich am Flughafen von Huntington (West Virginia) mit den lokalen Gegebenheiten vertraut zu machen. Denn Owens wollte sicherstellen, dass sie an diesem frischen Herbstmorgen als Erste in den Hangar eingelassen wird, in dem Präsident Donald Trump um Stimmen werben will. Es ist erst 11 Uhr, aber Owens steht bereits seit «zwei, drei Stunden» unter einem Schild, das den Beginn der Warteschlange markiert. Gut gelaunt sagt sie: Sie geniesse jede Minute. «Ich liebe die Atmosphäre», die an Donald Trumps Wahlveranstaltungen herrsche, «die Energie» und die «guten Gespräche» – auch weil letztlich jeder, der den Präsidenten live sehen will, ganz ähnlich denkt.

Eine dieser Gleichgesinnten ist Karen Estepp, die aus Annapolis (Maryland) angereist ist. Gegen 700 Kilometer hat die pensionierte Feuerwehrfrau zurückgelegt, um ihrem charismatischen Idol zuzujubeln. Dieser Aufwand lohne sich, sagt Estepp, herrsche doch vor dem Auftritt Trumps eine Stimmung wie an einem Konzert. «Alle sind so freundlich», ergänzt Barb Dillon aus Kermit (West Virginia), und jedes Mal, wenn sie an einen Trump-Auftritt gehe, lerne sie interessante Menschen kennen.

Rein in den Hangar

Gegen 13 Uhr kommt Bewegung in die Warteschlange. Die Menschen werden in die Flugzeughalle 3 des Tri-State Airport in Huntington eingelassen. Während die VIP-Gäste auf einer Tribüne Platz nehmen, kann sich der Rest der Anwesenden im offenen Hangar die Füsse vertreten. Einige Anwesende suchen den Kontakt mit den Print- und Fernsehjournalisten, die ihre Ausrüstung in einem Gehege im hinteren Teil der Halle aufgebaut haben. Diese Gespräche verlaufen zivilisiert, selbst wenn ein «New York Times»-Journalist einen bulligen Bergmann zum Thema «Fake News» interviewt.

Zunehmend wird es allerdings schwierig, sich zu verständigen, dreht der Tontechniker doch die Hintergrundmusik stetig auf. Treue Trump-Anhänger sind mit diesem Soundtrack vertraut: Schlager der Siebziger- und Achtzigerjahre von Künstlern, die sich noch nicht dagegen gewehrt haben, mit dem Präsidenten assoziiert zu werden. Bekannte Stücke dröhnen durch den Hangar («Eye Of The Tiger» von Survivor), aber auch eigentliche Trouvaillen (Barbra Streisands «Memory»). Normalerweise dient diese Phase dazu, das Publikum einzuheizen. Aber heute will dies nicht gelingen, vielleicht auch weil sich viele Familien mit Kindern im Publikum befinden. Ein Anwesender beklagt sich gar beim Tontechniker über die laute Musik. Dessen Antwort? «Ich kann Sie nicht verstehen.»

Kurz nach 14 Uhr betritt Shelley Moore Capito die Bühne. Die republikanische Senatorin aus West Virginia dient als Conférencière der Veranstaltung, zumindest, solange Trump noch nicht hier ist. Sie weist die Anwesenden darauf hin, dass am Dienstag zahlreiche Politikerinnen und Politiker zur Wahl stünden, die dem Präsidenten das Wort reden. Alle erhalten sie nun die Chance, eine kurze Rede zu schwingen und bei den 4000 Anwesenden um Stimmen zu werben.

So spricht Patrick Morrisey, der den demokratischen Senator Joe Manchin ersetzen will. Er sagt: «Ich werde ein konservativer Kämpfer in Washington sein.» Ein Zuhörer schüttelt den Kopf und sagt: «Er ist eine Schlange.» Seine Begründung: Morrisey habe früher als Lobbyist in der Hauptstadt gearbeitet, sei also Teil des verhassten «Sumpfs». Er stimme aber trotzdem für ihn, sagt ein Trump-Fan, der seinen Namen nicht nennen will. «Denn er hat versprochen, den Präsidenten zu unterstützen.» Das Gespräch mit ihm wird rüde von einem bulligen Sicherheitsmann unterbrochen, der den Reporter anweist, sich in den Journalistenbereich aufzumachen. Denn Medienschaffenden ist es verboten, sich während eines Auftrittes des Präsidenten ausserhalb ihres Geheges aufzuhalten.

Der Präsident klingt heiser

Gegen 16 Uhr landet endlich die Präsidentenmaschine «Air Force One». Jubel macht sich breit, als das Flugzeug – in diesem Fall eine Boeing C-32 – direkt hinter der Bühne zum Stillstand kommt. Der Schriftzug «United States of America» ist zu lesen, und die Staatsmaschine wird zu einer Requisite eines begabten Showmans. Der DJ legt «Take Me Home, Country Roads» auf, John Denvers Hymne auf West Virginia. Dass der 1997 verstorbene Liedermacher ein eingefleischter Anhänger der Demokraten war, hat man ihm schon lange verziehen.

Trump steigt aus dem Flugzeug und macht sich auf den Weg zur Bühne, wo er um 16.22 Uhr das Wort ergreift. Der Präsident klingt etwas heiser, als er während etwa 50 Minuten sämtliche Argumente vorbringt, die für eine Fortsetzung der republikanischen Mehrheit in Washington sprechen. Weil Trump Trump ist, löst er sich immer wieder von seinem Redetext. So lobt er sich und seine Regierung für den florierenden Bergbau in West Virginia und die guten Arbeitsmarktzahlen. Er spricht aber auch darüber, dass seine Partei vielleicht die Mehrheit im Repräsentantenhaus verliere – er könne ja nicht in jedem Wahlbezirk um Stimmen werben. «Es könnte passieren, es könnte passieren.»

Obwohl ein Machtwechsel im Parlament aus seiner Sicht ein Ende des Aufschwungs zur Folge hätte, da die Demokraten Amerika zu einer Kopie von Venezuela machen wollten, sagt Trump auch: «Machen Sie sich keine Sorgen» über eine Niederlage der Republikaner. Im Fall der Fälle werde er sich «etwas ausdenken».

«Welle der Kriminalität»

Weil diese Aussage für den ewigen Kämpfer Trump geradezu defätistisch klingt, reisst sich der Präsident zusammen und beginnt, über sein aktuelles Lieblingsthema zu sprechen: Den Kampf gegen die angeblich drohende Invasion von Migranten. Er schwadroniert darüber, wie «menschlicher Abschaum» illegal in die USA einreisen wolle, als Teil von Flüchtlings-Karawanen, sich – angeblich mit dem expliziten Einverständnis der Demokraten – auf dem Weg von Zentralamerika an die US-Grenze befinde. Eine «blaue Welle», ein Wahlsieg der bisherigen Opposition, hätte deshalb eine «Welle der Kriminalität» zur Folge. Das Publikum ist begeistert.

Als sich der Hangar langsam lehrt, arbeitet Trump immer noch eine Liste von Themen ab. Selbstbewusst verkündet der Präsident, dass er an der Spitze der «grössten politischen Bewegung» stehe, die das Land je gesehen habe. Dann macht er sich auf den Weg zu seinem Flugzeug. Und aus den Lautsprechern dröhnt «You Can’t Always Get What You Want» von den Rolling Stones. Du bekommst nicht immer, was du willst.