Der Sami Abdul Rahman-Park mit seinen künstlichen Seen ist ein beliebter Erholungsort im kurdischen Arbil. Im vergangenen August campierten auf dem riesigen Gelände etwa 500 Freischärler der türkisch-kurdischen PKK, unter denen zur Überraschung der eher konservativen Besucher auch unverschleierte Frauen in Tarnanzügen zu sehen waren. Die Hauptstadt des autonomen irakischen Kurdistan wurde in diesen Tagen von den Terrormilizen des sogenannten Islamischen Staats (IS) bedroht. Ohne die Hilfe der PKK und ihrer syrischen Schwesterorganisation PYD wären die überforderten lokalen Peschmerga nicht in der Lage gewesen, die Dschihadisten zurückzuschlagen.

Es war das erste Mal in der jüngeren Geschichte der Kurden, dass türkische, syrische und irakische Kurden gemeinsam in die Schlacht zogen. Dass sie dabei von der US-Luftwaffe unterstützt wurden, ist ein Novum, das vermutlich folgenlos bleiben wird. Die amerikanischen Kampfjets flogen nicht für ein unabhängiges Kurdistan. Sie stiegen auf, um amerikanische Wirtschaftsinteressen in Arbil, wo Ölkonzerne aus Texas tätig sind, zu verteidigen. 

Als sechs Wochen später IS-Milizen die syrisch-kurdische Enklave Kobane überrannten, kam die amerikanische Luftwaffe zu spät. Die syrischen und türkischen Kurden fühlen sich nun auch von Obama, dem sie in Arbil geholfen hatten, verraten. Dass ihnen die Türken in den Rücken fielen, war dagegen keine Überraschung.

Die Türkei fühlt sich bedroht

Ankara sieht sich durch die Autonomiebestrebungen der mit der PKK verbündeten syrischen Kurden seiner Sicherheit bedroht. Die Regierung befürchtet, dass die mehrheitlich kurdischen Provinzen im eigenen Land durch einen Erfolg der selbstverwalteten Kurdenregion Rojava dazu bewegt werden, sich einem Kurdenstaat in Syrien oder im Irak anzuschliessen. Das autonome irakische Kurdistan akzeptiert Ankara nur deshalb, weil man mit Massoud Barzani einen Verbündeten gefunden hat, der auf die politischen und geostrategischen Interessen der Türkei Rücksicht nimmt. Auf Hilfslieferungen für die bedrängten syrischen Kurden im grenznahen Kobane musste Barzani daher verzichten.

Dabei weiss der Kurdenführer genau, wie es sich anfühlt, von der ganzen Welt im Stich gelassen zu werden. Es waren seine Leute, die am 16. März 1988 in der irakisch-kurdischen Stadt Halabdscha von Saddams Husseins Luftwaffe mit Giftgas bombardiert worden waren. Beim schlimmsten Einsatz dieser Art seit dem Ersten Weltkrieg erstickten mehr als 8000 Zivilisten.

Zwei Tage nach dem Massaker besuchte ich als Korrespondent die verwüstete Kurdenstadt und schrieb: «Vier Stunden stolperten wir, dem Erbrechen und Heulen nahe, durch Halabdscha. Wir sahen die entstellten Gesichter von Babys auf den Rücken ihrer zusammengebrochenen Mütter, Familien, die beim Mittagessen das tödliche Gas eingeatmet hatten und daran qualvoll zugrunde gingen. Aufgedunsene Leichen lagen vor Kaffeehäusern – neben Tierkadavern. Auch die Vögel waren tot vom Himmel gefallen. Fast niemand konnte dem Tod entrinnen».

Der Westen reagierte auf das Massaker zurückhaltend. Man verdächtigte zunächst Iran. Denn aus politischen Gründen hatten die USA und Europa jahrelang den Diktator Saddam Hussein gestützt, ihm auch die Zutaten für die verheerenden Giftgasbomben geliefert. Saddam galt als das kleinere Übel. Die Islamische Republik des Ayatollah Khomeini wurde als die grössere Bedrohung angesehen.

Im Golfkrieg im Stich gelassen

Das änderte sich erst nach dem irakischen Einmarsch in Kuwait im August 1990. Auf einmal flimmerten die Bilder vom Massaker in Halabdscha wieder über die Bildschirme. So wie den Kurden, lautete die Botschaft, könnte es jetzt auch den Amerikanern ergehen, die Kuwait befreiten – und die Kurden abermals im Stich liessen. Ihr Aufstand im Frühjahr 1991 wurde von der irakischen Armee blutig niedergeschlagen.

Aus Angst vor neuen Giftgasmassakern waren über 1,5 Millionen irakische Kurden nach Iran und in die Türkei geflohen. Erst nachdem die UNO eine von den USA überwachte Flugverbotszone im Nord-Irak eingerichtet hatte, konnten die Kurden in ihre Heimat zurückkehren und nach dem Sturz von Saddam Hussein einen autonomen Teilstaat etablieren. Wirklich unabhängig, das haben Europäer und Amerikaner nach der Abwehr der Dschihadistenoffensive auf Arbil im August dieses Jahres klargestellt, soll das irakische Kurdistan nicht werden. Das autonome Gebiet muss Teil Iraks bleiben. So wollen es auch die Türkei und Iran.

Die Hoffnung bleibt

Die Hoffnung auf Unabhängigkeit werden die Kurden, ganz egal wo sie leben, aber nicht aufgeben. Und die Chancen, dass sie sich im gegenwärtigen Chaos des Mittleren Ostens behaupten, stehen gar nicht so schlecht: Der Irak gilt inzwischen als gescheiterter Staat. In Syrien hat das Assad-Regime die Kurdengebiete aufgegeben. Kobane dürfte zwar fallen. Weiter östlich kontrollieren die syrischen Kurden aber ein fast 200 Kilometer langes und bis zu 60 Kilometer breites Gebiet, in dem in den letzten zwei Jahren halbstaatliche Strukturen geschaffen wurden. Angriffe der IS-Dschihadisten konnten die syrischen Kurden, die mit der türkischen PKK ideologisch verbunden sind, dort abwehren.

Als Helfershelfer willkommen

Syrische Kurden waren es auch, die im Sommer die vom IS im Sindschar-Gebirge eingekesselten irakischen Jesiden freigekämpft und über ihr Territorium in Sicherheit gebracht hatten. Kurden aus Syrien, dem Irak und der Türkei sind gegenwärtig die hartnäckigsten und erfolgreichsten Widersacher der Dschihadisten. Dennoch will sie der Westen nicht als eine einheitliche Kraft unterstützen. Als Helfershelfer der Mächtigen sind die Kurden willkommen. Für ihre Verdienste belohnen will man sie nicht.