Saudi-Arabien

Kronprinz bin Salman bezeichnet Mord an Khashoggi als Fehler – doch was geschah genau?

Vor einem Jahr wurde der saudische Journalist Jamal Khashoggi ermordet. Kronprinz bin Salman gesteht ein: Der Mord war ein Fehler. Den Auftrag will er aber nicht erteilt haben.

Mangelnde Courage kann man Norah O’Donnell nicht vorwerfen. Ohne mit der Wimper zu zucken, kam die Starreporterin des amerikanischen Fernsehsenders CBS sofort zur Sache. «Haben Sie den Mord an Jamal Khashoggi angeordnet?», fragte die 45-jährige Journalistin Mohammed bin Salman, den saudischen Kronprinzen, in einem gestern veröffentlichten Interview.

Natürlich war Bin Salman auf diese Frage vorbereitet. Dennoch wirkte der neue starke Mann Saudi-Arabiens für einen Moment irritiert, ehe er mit einstudierter Unschuldsmiene eine persönliche Schuld «absolut» zurückwies.

Am Mittwoch ist es genau ein Jahr her, seit der saudische Journalist Jamal Khashoggi in Istanbul das saudische Konsulat besuchte. Dort wollte er die nötigen Formulare für die Hochzeit mit seiner türkischen Verlobten abholen. Der 59-jährige Journalist war ein bekannter Kritiker der Saudis. Im Konsulat wurde Khashoggi von einem saudischen Killerkommando erwartet. Laut türkischen Ermittlern betäubten ihn die Killer, erstickten ihn, danach zerstückelten sie seine Leiche und lösten sie in Säure auf. Die Mörder konnten unerkannt nach Riad zurückkehren. Der Mord hatte weltweit Entrüstung ausgelöst.

Auch ein Jahr danach behauptet das offizielle Saudi-Arabien weiterhin, dass der Mord eine Einzelaktion von Geheimdienstlern war, während der amerikanische Auslandgeheimdienst CIA festhält, das saudische Königshaus habe den Mord in Auftrag gegeben.

Im Interview mit dem Sender CBS sagte Kronprinz Bin Salman, als Führungskraft von Saudi-Arabien trage er die volle Verantwortung für die Taten der drei Millionen Staatsbediensteten. Auf die Frage, was er unter Verantwortung genau verstehe, antwortete der 34-Jährige dann allerdings äusserst vage. «Es müssen Massnahmen ergriffen werden, um so etwas in Zukunft zu vermeiden», versucht sich Bin Salman herauszuwinden.

Mörder wurden nicht zur Rechenschaft gezogen

Reporterin Norah O’Donnell liess nicht locker. «Die Welt möchte wissen, warum Sie von dieser Operation nichts wussten», hakte sie nach. Als Führer oder zweitmächtigster Mann von Saudi-Arabien könne er nicht wissen, was all die vielen Staatsbeamten täglich tun, gab Bin Salman zur Antwort. Auch die Frage der Reporterin nach dessen Beratern, über deren entsetzliche Pläne der Kronprinz hätte Bescheid wissen sollen, wollte der Saudi nicht beantworten. Die Untersuchungen seien auch ein Jahr nach dem Mord an Khashoggi noch nicht beendet. Der Mord, versicherte Bin Salman mit täuschend ernster Miene, habe auch in Riad «unermesslichen Schmerz» verursacht.

Von O’Donnell vorgebrachte CIA-Erkenntnisse über eine persönliche Schuld am Tod Khashoggis wies Bin Salman entschieden zurück. «Das abscheuliche Verbrechen war ein Fehler», liess sich Bin Salman entlocken, um voller Zynismus zu betonen, dass «Journalisten für mein Land keine Bedrohung darstellen».

Das saudische Königshaus, das erst unter massivem Druck der türkischen Regierung seine Verwicklung in den Mord gestand und den Kronprinzen durchs Band von jeglicher Schuld freisprach, bewegt sich weiterhin im Schneckentempo.

Ein kleiner Fortschritt ist das verklausulierte Teilgeständnis des Kronprinzen dennoch. Bin Salman hat erstmals eine minimale moralische Verantwortung übernommen. Strafrechtlich relevant dürfte diese Minimalverantwortung aber wohl nicht sein. Dass die UNO-Sonderberichterstatterin Agnes Callamard «glaubwürdige Beweise» für Bin Salmans Mitschuld an dem Mord zusammengetragen hat, kümmert den zukünftigen saudischen Herrscher offensichtlich wenig. Einen Rücktritt wegen des vermutlich von ihm persönlich in Auftrag gegebenen Mordes schliesst er aus.

Selbst die namentlich bekannten Mitglieder des nach Istanbul geschickten Killerkommandos wurden bisher nicht zur Rechenschaft gezogen. Um auch die letzten Spuren zu verwischen, hat die saudische Regierung das Konsulatsgebäude vor zwei Wochen in grosser Eile für ein Drittel des Marktwertes verkauft.

Im Halbschatten seines dementen Vaters, König Salman, hält der Kronprinz die Zügel der Macht fest in den Händen. Allerdings wurde das Ansehen von Saudi-Arabien durch die Bluttat nachhaltig beschädigt. Dies bedeute aber nicht, dass Bin Salman durch das Verbrechen politisch geschwächt worden ist, glaubt der Nahostexperte Guido Steinberg.

Bin Salman vergleicht sich mit Prophet Mohammed

Die verheerenden Drohnen- und Marschflugkörperangriffe auf die Ölanlagen von Abkaik und Khurais bieten Mohammed bin Salman eine glänzende Gelegenheit, vom Mordfall Khashoggi abzulenken und sich als ebenso besorgter wie starker Landesvater zu präsentieren. Im Gespräch mit CBS musste der saudische Kronprinz allerdings mehr als eine halbe Stunde warten, bis er zum verbalen Frontalangriff gegen Iran ausholen konnte. Wenn die Welt jetzt keine starken Massnahmen ergreife, um Iran abzuschrecken, fürchte man weitere Eskalationen, die die Interessen der gesamten globalen Gemeinschaft bedrohten, warnte der Kronprinz.

Trotzdem hält der Saudi eine politische Lösung der Krise am Persischen Golf für besser als eine militärische. Das gilt offenbar auch für den Krieg im Jemen, wo Bin Salman bereit scheint, ein Waffenstillstandsangebot der Huthi-Rebellen zu akzeptieren.

Auch der Prophet Mohammed habe schliesslich Fehler gemacht, zieht Bin Salman einen gewagten Vergleich, als ihn die Journalistin zum Ende des anderthalbstündigen Interviews auf die eigenen Unzulänglichkeiten ansprach. Wichtig sei es jedoch, von seinen Fehlern zu lernen und diese nicht zu wiederholen.

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