Er gilt als Papst der Armen, als Vorkämpfer für Freiheit und Gerechtigkeit. Doch in den Jahren der argentinischen Militärdiktatur hat der neue Papst Franziskus offensichtlich eine umstrittene Rolle gespielt.

Menschenrechtler werfen ihm vor, mit schuld an der Entführung zweier Jesuitenpater gewesen zu sein, die 5 Monate von den Todesschwadronen der Junta verschleppt worden waren. Auch habe er es an deutlicher, offener Kritik an der Militärdiktatur immer wieder vermissen lassen.

Der Papst ein Caudillo wie Castro?

Der Jesuit Franz-Xaver Hiestand leitet die katholische Hochschulgemeinde Zürich. Er hat einen Teil seiner Ordensausbildung in Mexiko gemacht und ist schockiert, dass ein Jesuit zum Papst gewählt worden ist, wie er im «Tages-Anzeiger» sagt. Es gehöre zum ureigenen Charisma der Jesuiten, dass man keine Posten in der Hierarchie anstreben oder übernehmen solle.

Die Wahl von Jorge Mario Bergoglio deute darauf hin, dass der Ruf mancher vor dem Konklave oft genannten Papabili durch den Bericht der Kardinalskommission zum Vatileaks-Skandal beschädigt war. «Möglich auch, dass einige stark favorisierte Kardinäle mehr in die Intrigen der Kurie involviert waren, als man annahm. Vermutlich war Bergoglio eher der Kandidat der moderat reformwilligen Kardinäle und der Lateinamerikaner.»

Er sei ein von aussen Kommender, dem man zutraut, die Kurie zu reformieren. «Ein gut unterrichteter lateinamerikanischer Jesuit sagt, Bergoglio sei ein Caudillo so wie Chávez, Castro und die rechten Führer, die sich durch Volksnähe und zugleich durch eine gewisse Brutalität auszeichnen.»

Tief verbunden mit Militärdiktatur

Doch Hiestand ist noch aus einem anderen Grund geschockt. Im Orden wisse man, dass Bergoglio als Jesuitenoberer in Argentinien ganz tief verbunden war mit der Geschichte der Militärdiktatur in den 70er-Jahren.» Und diese argentinische Kirche - ganz im Gegensatz etwa zur chilenischen oder zur zentralamerikanischen Kirche - nehme eine diktaturfreundliche Haltung ein.

«Sie trug das System der Militärdiktatur wesentlich mit. Ausnahmen bildeten jene Christen, die dann verfolgt und getötet wurden. Man muss sich nur das fürchterliche Geschehen vergegenwärtigen, dass Militärkapläne Verurteilte segneten, bevor sie aus Flugzeugen ins Meer geworfen wurden.»

Der neue Papst repräsentiert nach Hiestand auch jene Zeit der Militärdiktatur. «Mit seinem Pontifikat kommt jenes düstere Kapitel wieder auf das Tapet. Gerade in einer Zeit, in der die argentinische Gesellschaft dabei ist, diese Vergangenheit aufzuarbeiten.»

Nicht genug, Bergoglio soll an der Entführung von zwei in den Armenvierteln engagierten Jesuiten durch die Junta beteiligt gewesen sein. Die beiden sagten aus, sie seien von Bergoglio denunziert worden. Er selber bestritt alles.

«Er war noch jung»

Ob sich der neue Papst einst als Ordensoberer generell um das Schicksal linker und befreiungstheologisch engagierter Priester foutiert habe, verneint Hiestand nicht. Sicher sei er ordensintern mit den sehr stark befreiungstheologisch engagierten Jesuiten zusammengestossen, auch mit dem Ordensgeneral Pedro Arrupe.

«Bergoglio hatte sich von den Befreiungstheologen distanziert, weil sie sich in ihrer Sozialanalyse auch auf Karl Marx stützten. Gewiss engagierte er sich immer karitativ. Befreiungstheologen wie Dom Helder Camara aber wollten mehr: Sie zielten eine strukturelle Veränderung der Gesellschaft an.

Es kann gut sein, dass Bergoglio heute stärker und pointierter auf der Seite der Armen steht. Damals war ja die Zeit des Kalten Krieges. Und Bergoglio war mit 37 Jahren sehr jung.»