England

Krawalle in Grossbritannien: «Sex, Drogen und schnelles Geld»

Seit nunmehr vier Tagen erschüttern heftige Ausschreitungen ganz England. Woher kommt die Wut der Krawallanten? Der deutsche Politologe und Journalist Jürgen Krönig erklärt im Interview, warum die Gewalt nicht politisch motiviert ist.

Die Angehörigen des von der Polizei erschossen 29-jährigen Familienvaters organisierten nach dessen Tod eine Demonstration vor der Polizeiwache. Schliesslich artete die vorerst friedliche Kundgebung aus. Was sind die Hintergründe für die gewalttätigen Ausschreitungen in Tottenham?

Jürgen Krönig: Die Ausschreitungen sind ja gar nicht in Tottenham allein entstanden - es gab einen Flächenbrand, gezielte Angriffe, Plünderungen, Überfälle auf verschiedene Viertel in London. Daraus entstanden Kämpfe zwischen Jugendlichen, die sich die Beute streitig gemacht haben.

Was meinen Sie mit «gezielte Angriffe»?

Es hat sich gezeigt, dass es eine koordinierte Aktion von Gangs und Banden war, die Rache üben und gleichzeitig die Gelegenheit nützen wollten, sich zu bereichern. Mit Hilfe von sozialen Netzwerken haben sie sich organisiert. Ein schwarzer Geschäftsinhaber in Tottenham, «der vor den Ruinen seines Lebens steht», wie er selbst sagte, fragte sich, «wie können die, wenn es sich angeblich um Leute unserer Gemeinde handelt, uns angreifen, unsere Häuser in Brand stecken, die Polizei aber verschonen». Die übliche Erklärung - Frustration, Unzufriedenheit und hohe Arbeitslosigkeit seien die Gründe - greift hier nicht.

Trotzdem sind viele Fragen zum Tod des Familienvaters noch ungeklärt.

Der 29-jährige Familienvater, der von der Polizei erschossen wurde im Verlauf der Operation Trident, war ein Crack- und Kokaindealer, bewaffnet und von der Polizei gesucht. Die Umstände, die zu seinem Tod führten, sind in der Tat noch nicht geklärt und Gegenstand der Ermittlungen. Klar: Die Polizei muss offenlegen, was im Einzelnen passiert ist. Die Angehörigen verlangen Antworten. Sie suggerieren, dass es nicht mit rechten Dingen zugegangen ist. Vieles spricht aber dafür, dass die Gewalt bewusst inszeniert worden ist.

In Tottenham kommt es immer wieder vor, dass Spannungen, bei denen zum Teil Rassismus eine Rolle spielt, in Gewalt umschlagen. Zudem zählt die Gegend im Norden Londons zu den ärmsten in ganz England. Hat das die Ausschreitungen begünstigt?

Es hat sich in Tottenham unheimlich viel verändert seit den 80er Jahren, als beispielsweise ein Polizist von einem Mob getötet wurde. Da war tatsächlich zum Teil unangebrachte Härte der Polizei durchsetzt mit rassistischen Elementen am Werk. Doch die Zeiten haben sich geändert. Die Beziehung zwischen der Polizei und der schwarzen Minderheit haben sich merklich verbessert - wenngleich sie auch heute nicht spannungsfrei sind. Verschiedene Labour-Abgeordnete wie David Lamy sagten, die jüngsten Ausschreitungen seien Angriffe auf die Gemeinde von kriminellen Elementen. Diese Aussage steht für das, was passiert ist. Es ist rabiat geplündert worden.

Woher kommen diese «kriminelle Elemente»?

Es gibt ein weiteres Problem, das seit Jahren schwellt. Gerade aus der westindischen und afrikanischen Gemeinde in London waren in der Vergangenheit immer wieder selbstkritische Klagen zu hören über die hohe Zahl ausserehelichen Geburten. Wir sprechen hier von 65 Prozent. Das hat ein Problem geschaffen, dass man aus den schwarzen Ghettos in den USA kennt. Die Jungs suchen die väterlichen Rollen in Gangs. Sie sind geprägt von einer Machokultur, man ist voller Verachtung für die Bildung. Es entstand also eine Kultur des schnell-reich-werdens, die keinerlei Autorität anerkennt. Die fehlende Erziehung ist ein wichtiges Element, das mitspielt.

Sind nicht eher fehlende Perspektiven und soziale Benachteiligung der Jugendlichen die Gründe für die Krawalle?

Ich zögere dem zuzustimmen, weil ich eine andere Realität gesehen habe. Das Problem der vaterlosen Jungs ist eminent. Ich habe mit einem schwarzen Redakteur, der eine Zeitung für die schwarze Community herausgibt, gesprochen. Er erklärte mir, die Jugend sei ausser Rand und Band. Sie sei voller Verachtung fürs Lernen. Sie seien von der Celebrity-Kultur angesteckt. Sex, Drogen und schnelles Geld - das zähle. Den mühsamen Weg zu gehen sei nicht ihr Ding, sie suchten immer eine Abkürzung. Die These der sozialen Benachteiligung ist falsch. Überdies sind Arme heute viel besser gestellt als in früheren Zeiten.

Ende März dieses Jahres ist es ebenfalls nach einer Grossdemonstrationen gegen die Politik der Tory-Regierung zu gewalttätigen Ausschreitungen gekommen. Gibt es einen Zusammenhang?

Eigentlich nein. Die damals eigentlich sehr friedliche Demonstration der Gewerkschaften sind von Anarchisten, die in London einige 1000 Anhänger haben, usurpiert worden. Ohnehin haben die Kürzungen, die die Regierung beschlossen hat, noch nicht begonnen zu wirken. Wenn man die Demonstration Ende März mit den jüngsten Ereignissen vermischt, ist das harte linke Propaganda, die nicht von der Labour kommt.

Die Bevölkerung hat das Vertrauen in die Polizei verloren. Weshalb?

Früher - vor 25 Jahren - wurde die Polizei mit dem Vorwurf konfrontiert, zu hart vorzugehen oder gar rassistisch zu sein. Heute sehen wir Polizisten, die vielmehr wie Sozialarbeiter agieren. Generell gibt es eine breite Kritik an der Polizei, dass sie politisch zu korrekt ist.

Viele Betroffene äusserten harsche Kritik. Schnell wurde der Ruf nach härteren Massnahmen und einem Einsatz des Militärs laut. Was würde ein Einsatz des Militärs bedeuten?

Ich glaube nicht, dass es soweit kommt. Das würde nicht der britischen Tradition entsprechen. Darum halte ich einen Einsatz des Militärs für ausgeschlossen. Es werden ja nicht einmal Wasserwerfer eingesetzt, das kennt man nicht in England.

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