Nahost

Krawalle in Ägypten: «Das einende Feindbild ist nicht mehr da»

Nahostexperte Erich Gysling war von den Fussball-Krawallen in Ägypten überrascht. Er blickt pessimistisch in die Zukunft des Landes am Nil und befürchtet ein Aufbrechen alter Gräben.

In Ägypten droht nach den Gewaltexzessen in der Folge eines Fussballspiels erneut die Eskalation. Was muss die Militärregierung nun tun?

Erich Gysling: Sie müsste die Polizei in die Verantwortung nehmen. Ich vermute aber leider, dass diese seit den Revolten gegen Hosni Mubarak keine Lust mehr hat, sich zu exponieren. Unter dem Primat der Militärs ist die Polizei regelrecht eingebrochen.

Was wird die Militärjunta realistischerweise tun?

Wahrscheinlich nicht viel. Denn die Militärs sind vor allem daran interessiert, ihre Privilegien zu erhalten und haben deshalb kein Interesse daran, Macht abzugeben. Sie werden sich mit der stärksten politischen Kraft, den Muslimbrüdern, gut arrangieren können. Auch die Jugendbewegung, die die Revolution vorantrieb, wird daran nicht viel ändern können. Machen wir uns nichts vor: Die revolutionären Kräfte stellen nur eine Minderheit am Nil.

Die Ägypter gelten als fussballverrückt. Viele Fans schnauften auf, als Mubarak vor einem Jahr abtreten musste. Man sprach von einer „neuen Freiheit" in den Fussballstadien. Diese Freiheit mündete in der Katastrophe vom Mittwoch. Waren Sie von den Krawallen überrascht?

Ja, absolut. In diesem Ausmass hatte ich es nicht erwartet. Ich meinte, einen Konsens zu erkennen, wonach man einen Staat mit minimalen Strukturen schaffen wollte, der die Bruchlinien zwischen laizistischen und islamistischen Kräften überbrücken imstande ist. Mubarak war für diese Kräfte das gemeinsame Feindbild. Nun ist er weg und die Gräben scheinen aufzubrechen.

Weshalb auch die während der Revolution geeinten Fangruppen – die sogenannten Ultras – wieder aufeinander losgehen.

Polemisch ausgedrückt, ja. Das einende Feindbild ist nicht mehr da. Aber dass es derart ausarten konnte, erkläre ich mir vor allem mit dem Fehlen der Polizei.

Jene Polizisten, die im Stadion waren, hielten sich mit Absicht zurück, sagen viele.

Ich weiss es nicht. Das sind alles Spekulationen. Ich glaube vielmehr, dass die von den Schlachten der Revolution geprügelten Polizisten schlicht nicht mehr motiviert waren, etwas gegen die Gewalt unter den Fans zu unternehmen.

Nicht die Militärs sollen dahinter stecken?

Solche Verschwörungstheorien sind zwar schön, doch ich halte eine Verschwörung für unglaubwürdig.

Trotzdem wird es der Militärregierung nützen.

Ja, Feldmarschall Tantawi und der Militärrat werden die Bevölkerung davon zu überzeugen versuchen, es brauche eine harte Ordnungsmacht. Und sie werden damit auf fruchtbaren Boden stossen. Bereits heute sehnen Teile der Bevölkerung das alte Regime zurück.

Zu den Fans: Die Ultras sollen während der Frühjahrsrevolten eine wichtige Rolle eingenommen haben.

Die Fans waren eine jener Gruppierungen, die auf dem Tahrir-Platz aktiv demonstrierte. Gerade die Fans des Al-Ahly-Clubs gehören offenkundig zu den benachteiligten Schichten Ägyptens. Während all der Jahre des Wirtschaftswachstums unter Hosni Mubarak konnten sie nie profitieren.

Wenn wir von Ultras sprechen: In Westeuropa versteht man darunter Hooligans. Was sind die Al-Ahly-Ultras?

Der Umgang mit den Begriffen ist verwirrend: Während der Revolution nannte man die Aktivisten Helden, heute nennt man sie Ultras. Ein Teil davon hat sich auf dem Tahrir-Platz engagiert und ist massgeblich dafür verantwortlich, dass Mubarak gehen musste.

Wagen wir einen Blick in die Zukunft: Welche Folgen haben die Gewaltexzesse auf den Demokratisierungsprozess am Nil?

Keine guten. Wie gesagt: Der Reflex nach harter Ordnung ist da und spielt dem Militärrat in die Hände.

Sie sind ein Pessimist.

Nennen Sie es so, wenn Sie wollen. Aber die Spannungen innerhalb der Gesellschaft dürften zunehmen. Wegen der Islamisten – der stärksten politischen Akteurin am Nil – erwarte ich eine konfliktgeladene Zukunft. So befürchte ich, dass Minderheiten wie Kopten oder Frauen beispielsweise vom Staatsdienst ausgeschlossen werden könnten. Zudem erwarte ich Auseinandersetzungen zwischen den Salafisten und den sogenannt gemässigten Islamisten, den Muslimbrüdern.

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