Landesweit hätten sich bis zum Abend rund 125'000 Menschen an den Protesten beteiligt, sagte Frankreichs Innenminister Christophe Castaner bei einer Pressekonferenz. Davon seien 10'000 in der Hauptstadt Paris gezählt worden.

Im ganzen Land habe es knapp 1400 Festnahmen gegeben, mehr als 970 Menschen seien in Gewahrsam genommen worden. 118 Demonstranten und 17 Sicherheitskräfte seien verletzt worden, sagte der Innenminister.

Im ganzen Land wurden 89'000 Sicherheitskräfte mobilisiert, allein in Paris waren es 8000. Dies war rund ein Drittel mehr als am vorangegangenen Samstag, als in der Hauptstadt zeitweilig bürgerkriegsähnliche Zustände herrschten. Premierminister Édouard Philippe sprach von einem "aussergewöhnlichen" Sicherheitskonzept.

Tränengas und Wasserwerfer

Die Polizei setzte in Paris Tränengas, gepanzerte Fahrzeuge und Wasserwerfer ein. Demonstranten zündeten in der Innenstadt Barrikaden an, schlugen Fensterscheiben ein und lieferten sich Auseinandersetzungen mit der Polizei.

Im Zentrum der Hauptstadt blieben zahlreiche Metrostationen auf Geheiss der Polizei geschlossen - die Bahnen hielten nicht an, sondern fuhren durch. Etliche Geschäfte öffneten mitten in der Vorweihnachtszeit nicht für ihre Kunden - darunter auch Läden wie die Galeries Lafayette.

Auch viele Sehenswürdigkeiten in Paris blieben geschlossen, darunter zahlreiche Museen und das Wahrzeichen der Stadt, der Eiffelturm. Am Morgen war es dort menschenleer - Touristen standen nicht wie üblich Schlange. Die Stimmung in der Innenstadt war angespannt - Hubschrauber kreisten über dem Zentrum.

In zahlreichen anderen Städten Frankreichs demonstrierten ebenfalls Menschen in gelben Westen. In Lyon, Bordeaux, Toulouse und Marseille kam es Berichten zufolge zu Ausschreitungen.

Es ist das vierte Wochenende mit landesweiten Protesten in Folge. Die Gelbwesten fordern unter anderem Steuersenkungen. Ihre Wut richtet sich aber auch gegen Präsident Emmanuel Macron und seine Reformpolitik.

Proteste auch in Belgien

Die Proteste weiteten sich inzwischen auch auf das Nachbarland Belgien aus. In der belgischen Hauptstadt Brüssel wurden am Samstag bei Protesten der Gelbwesten ebenfalls etwa tausend Menschen festgenommen worden. Die meisten von ihnen wurden noch vor Beginn der Demonstration im Rahmen von "präventiven Massnahmen" in Gewahrsam genommen, wie die Polizei mitteilte.

Rund 500 Menschen beteiligten sich demnach an dem Protestzug am Rande des Europaviertels. Einige von ihnen griffen die Polizei mit Wurfgeschossen an. Nach den Festnahmen habe sich die Lage aber schnell beruhigt, erklärte eine Polizeisprecherin.

Das Europaviertel, in dem Institutionen wie die EU-Kommission, der EU-Rat und das EU-Parlament ihren Sitz haben, wurde wegen der Demonstration komplett abgeriegelt.

Nach Angaben der belgischen Nachrichtenagentur Belga gingen belgische Gelbwesten-Demonstranten am Samstag auch in der Region Westflandern auf die Strasse. Sie blockierten bei Rekkem nahe der Grenze zu Frankreich eine Autobahn. Auch auf der Autobahn bei Adinkerke errichteten Aktivisten laut Belga eine Strassensperre.

Ende November waren Proteste der Gelbwesten in Brüssel in Gewalt umgeschlagen. Zwei Polizeifahrzeuge wurden damals in Brand gesteckt.

Demonstrationen in den Niederlanden

In kleinerem Umfang gab es auch in den Niederlanden Protestaktionen. Mehrere Hundert Menschen protestieren am Samstag in den Niederlanden gegen die aus ihrer Sicht wachsende Kluft zwischen Arm und Reich protestiert.

Neben dem Rücktritt der Regierung des rechtsliberalen Ministerpräsidenten Mark Rutte forderten Teilnehmer den Austritt aus der EU, ein niedrigeres Rentenalter sowie die Aufhebung von Umweltschutzmassnahmen. In Den Haag hatten Polizisten als Vorsichtsmassnahme den Regierungssitz abgeriegelt.

Gegen "exzessive Gewalt gegen Demonstranten" sprach sich am Samstag der türkische Regierungschef Recep Tayyip Erdogan in Istanbul aus. Er zeigte sich besorgt über das harte Vorgehen der Polizei gegen Gelbwesten-Proteste in Europa. "Die, die unsere Polizei der Unterdrückung bezichtigt haben, sollten sehen, was ihre Polizisten jetzt tun", sagte Erdogan.