Griechenland

Krankenhaus nimmt Baby als Pfand für unbezahlte Rechnung

Um Geld einzutreiben, greifen griechische Krankenhäuser zu erpresserischen Methoden – «Dem Gesundheitssystem droht der Kollaps», sagt der griechische Ökonom Jannis Kyriopoulos.

Um Geld einzutreiben, greifen griechische Krankenhäuser zu erpresserischen Methoden – «Dem Gesundheitssystem droht der Kollaps», sagt der griechische Ökonom Jannis Kyriopoulos.

Eine 23-Jährige bringt in einer Atherner Klinik ein Kind zur Welt. Das Krankenhaus nimmt das Baby der Mutter weg und will es ihr erst zuürckgeben, wenn diese die Rechnung über 2300 Euro bezahlt hat. Die Frau kann es kaum glauben.

Georgia wartet schon. Sie ist mittelgross, hat eine helle Haut, schwarze Haare, ein hübsches Gesicht. Das Häuschen, wo Georgia lebt, befindet sich abgelegen an einer Sandstrasse. Georgia macht das verriegelte Gittertor auf. Im kleinen Hof liegen Spielzeugautos herum, mit denen ein kleiner Junge spielt. «Das ist mein Sohn Toni, er ist jetzt 18 Monate alt.»

Georgia, 23, heisst eigentlich gar nicht Georgia, sie nennt sich in Griechenland so. In Tirana sei sie geboren, lebe seit dem dritten Lebensjahr in Loutsa, einem Küstenort fünfzig Kilometer östlich von Athen. Nach sieben Jahren habe sie die Schule abgebrochen, es folgten unversicherte Beschäftigungsverhältnisse als Verkäuferin in Einzelhandelsgeschäften. Der Tageslohn: 20 Euro, bei neun bis zehn Stunden täglicher Arbeitszeit. Als sie einen Albaner heiratet, ist auch damit Schluss. «Wegen der Krise gab es sowieso keine Arbeit mehr», sagt sie.

Keine Arbeit, kein Geld

Ihrem Mann, einem Bauarbeiter, geht es auch nicht besser. Auch er habe keinen Job mehr. Georgia sei zwar in Besitz eines albanischen Reisepasses, eine Aufenthaltserlaubnis für Griechenland habe sie aber nicht. Das kostet 400 Euro an Gebühren. «Ich habe das Geld nicht.» Georgia hat eigentlich gar nichts, was man für ein normales Leben braucht: keine Arbeit, kein Geld, keine Papiere – und keine Krankenversicherung.

Georgias Häuschen besteht aus einem etwa 12 m2 grossen Zimmer, in dem ein alter, grosser Fernseher steht, und einer kleinen Küche. Die Luft ist stickig. Vor dem Fernseher liegt Georgias ein paar Wochen alte Tochter in einem Kinderbett. Das Baby schläft. Georgia hat für den Gast griechischen Mokka zubereitet. Sie nimmt das Baby und beginnt es zu stillen. «Ich wurde vor zweieinhalb Jahren zum ersten Mal schwanger. Als mir die Wehen kamen, bin ich ins ‹Helena› gegangen.» Doch als sie nach der Geburt aus der öffentlichen Athener Geburtsklinik entlassen werden sollte, sei ihr mitgeteilt worden, sie habe 1000 Euro an gesetzlichen Gebühren zu berappen, weil sie nicht versichert sei. Andernfalls müsse man sehen, was mit dem Baby geschehe. «Ich war geschockt. Sie wollten das Baby einfach behalten, bis ich bezahle.» Ihre Mutter, die als Putzfrau arbeite, habe mit Mühe das Geld aufgebracht. So habe sie mit Toni das Krankenhaus verlassen können.

Das Baby war ihr Pfand

Im vorigen Sommer wurde Georgia zum zweiten Mal schwanger. Im Dezember habe sie die andere grosse Athener Geburtsklinik, das «Alexandra», besucht. Aktivistinnen der Gruppe «Frauen gegen Schulden» hätten an jenem Tag dort Flugblätter verteilt mit einer Kontaktnummer für unversicherte Frauen. Just für den Fall, dass sie nach der Geburt von der Krankenhausleitung unter Druck gesetzt werden, die angefallenen Krankenhauskosten persönlich zu begleichen. Das provokante Motto der Aktion: «Zahle ich, gebäre ich. Zahle ich nicht, gebäre ich nicht.»

Als bei Georgia die Wehen kamen, habe sie nicht wieder ins «Helena» gehen wollen. Aber «Helena» war zu diesem Zeitpunkt die diensthabende Geburtsklinik in Athen. «Ich habe mir gedacht: O je, nicht schon wieder! Ich hatte aber keine andere Wahl.» Die Kleine kam Anfang Mai zur Welt. Das Kind sei, so Georgia, in eine andere Station gebracht worden – ohne Angabe von Gründen. «Man sagte mir wieder, ich würde mein Baby erst dann bekommen, wenn ich bezahlen würde.» Das Baby war ihr Pfand. «Ich sollte 2300 Euro bezahlen, davon 1500 Euro für den Kaiserschnitt und den Rest für den Aufenthalt des Babys in der anderen Station. Ich habe gesagt, dass ich das Geld nicht habe und auch nicht finden kann.» Ihre Mutter habe ihr dieses Mal nicht helfen können. Sie verdiene wegen der Krise kaum noch Geld.

Aktivistinnen wehren sich

Fünf Tage nach der Geburt platzte Georgia der Kragen. Sie rief frühmorgens bei den «Frauen gegen die Schulden» an. Nach drei Stunden kamen drei Aktivistinnen. Sie machten der Krankenhausleitung klar: «Falls ihr das Baby nicht sofort herausgebt, kommen in einer Stunde fünfzig Frauen hierher und wir machen in den Medien einen Riesenwirbel!» Am Nachmittag bat man Georgia in die Buchhaltung des «Helena». Dort musste sie ihre Steuernummer angeben. Sonst nichts.

Georgia konnte die Klinik verlassen – mit ihrer Tochter. Bis heute habe sie keine Post erhalten. Georgia sagt: «In Griechenland kann dir alles passieren.» Nikos Faldamis, Direktor des «Helena», weist die Vorwürfe auf Anfrage scharf zurück. «Das ist absoluter Unfug. Wir behalten keine Babys als Pfand.» Die Klinik, so Faldamis, kalkuliere Fälle von mittellosen Unversicherten ein. Das Problem: Solche Fälle nehmen im Dauerkrisenland dramatisch zu. Keiner weiss das besser als Jannis Kyriopoulos. Er ist Leiter der Abteilung Ökonomie im Gesundheitswesen an Griechenlands nationaler Schule für das öffentliche Gesundheitswesen. Kyriopoulos hat gerade ein neues Buch geschrieben.

Gesundheitsausgaben sinken stark

Zum einen betrugen 2009 die Gesundheitsausgaben 22,5 Milliarden Euro, im laufenden Jahr werden sie wegen der rigiden Sparpolitik auf 13,5 Milliarden Euro sinken. Zugleich hatten laut einer Studie 2011 bereits 16 Prozent der Bevölkerung keine Krankenversicherung, im laufenden Jahr wird der betreffende Anteil auf enorme 25 bis 30 Prozent klettern.

Notgedrungen nehmen immer mehr Arbeitslose, ehemalige Freiberufler und Selbstständige ohne Geschäft, Gelegenheitsjobber, Schwarzarbeiter und illegale Einwanderer Gesundheitsleistungen gratis in Anspruch. Kyriopoulos gesteht: «Dem System droht der Kollaps.» Der Mokka bei Georgia ist ausgetrunken. Ob sie noch weitere Kinder haben wolle? Georgia denkt nicht lange nach: «Nein, zwei reichen mir.»

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