Warum funktionierte die Provokation im Belgrader Partizan-Stadion derart gut? Warum gerieten die serbischen Zuschauer derart in Rage, als die rot-schwarze Flagge über den Rasen segelte? Es waren nicht die Umrisse des Landes allein oder der schwarze Adler oder die aggressive rote Farbe – die Wunde heisst Kosovo.

Die Fahne zeigt den Umriss eines Landes, das Kosovo und Albanien – zusammen mit ein paar anderen Gebieten, wo noch Albaner wohnen sollen – andeutet. Gross-Albanien – immer wenn «Gross-» vor eine Länderbezeichnung gestellt wird, gibts Zoff. Ausser bei Grossbritannien.

Kosovo und Albanien aber – das versetzt nationalistische Serben in Weissglut. Wenn man das verstehen will, muss man weit in die Geschichte zurückgehen. Der Balkan war seit dem Ende des Römischen Reiches ein Gebiet, wo die Grenzen mal da, mal dort durch gingen, wo sich die Völker gegenseitig bekriegten und verjagten.

«Kosovo» heisst auf Serbokroatisch «zur Amsel gehörig» und müsste eigentlich das «polje» (Feld) mit sich führen. Und das Amselfeld hat für die serbischen Nationalisten einen mythologischen Status, der sich durchaus mit den Heldenstätten unserer mythischen Geschichte vergleichen lässt. Mit den Schlachtfeldern von Morgarten oder Sempach zum Beispiel, wo die Eidgenossen gegen die Grossmacht Österreich die Freiheit verteidigt hatten.

Eine mythische Schlacht

Auf diesem Amselfeld – damals Kernland eines serbischen Reiches – kämpften am 15. Juni 1389 Serben gegen die vordringenden Osmanen. Die Schlacht ging bestenfalls unentschieden aus, wurde aber zum serbischen Nationalmythos. Fürst Lazar, der Anführer der serbischen Streitmacht, fiel im Gefecht, wie auch sein osmanischer Widersacher Sultan Murad I. Lazar wurde schon kurz darauf heilig gesprochen. Obwohl sein Heldentod nicht verhindern konnte, dass das Christentum auf dem Balkan gegenüber dem osmanischen Islam längerfristig ins Hintertreffen geriet.

Der Auftritt von Milosevic

Die Gräuel der Nazis und der kroatischen Ustaschen im Zweiten Weltkrieg brachten den Serben auch im vereinten Jugoslawien keine Ruhe. Der Auftritt von Slobodan Milosevic 1989, anlässlich der 600-Jahr-Feier der Schlacht auf dem Amselfeld, geriet dann auch wieder zum nationalistischen serbischen Fanal. Kosovo, seit 1912 zu Serbien gehörig, obwohl wahrscheinlich schon damals mehr Albaner dort lebten, wurde im Zweiten Weltkrieg Albanien angeschlossen, nach dem Zweiten Weltkrieg kam es wieder zu Serbien.

Josip Broz Tito, Führer der Sozialistischen Bundesrepublik Jugoslawien, versuchte dann, in seinem Vielvölkerstaat ein bisschen ausgewogenere Verhältnisse herzustellen und machte Kosovo zu einer autonomen Region. Milosevic versuchte, das rückgängig zu machen und begann, die albanische Bevölkerung zu schikanieren.

Die Jugoslawien-Kriege verschärften die Situation. Der anfänglich gewaltfreie albanische Widerstand wurde durch die Geheimarmee UÇK in einen militärischen verwandelt. Um serbische Gewaltakte zu verhindern, hiess es, bombardierten US-Flugzeuge 1999 serbische Ziele.

Kosovo proklamierte 2008 die Unabhängigkeit von Serbien. Sie wurde von vielen Staaten – darunter auch der Schweiz – anerkannt. Die serbische Minderheit musste ihrerseits Gewaltexzesse über sich ergehen lassen. Eigentlich ist der Status des Kosovo bis heute nicht endgültig geklärt. Klar ist, dass – abgesehen von ein paar albanischen Fanatikern – niemand will, dass es mit Albanien vereinigt wird. Aber zu Serbien wird es wohl auch nicht zurückgehen.