Matt Deitsch setzt einen zufriedenen Gesichtsausdruck auf, während er seinen Blick über die mehr als 100 Studentinnen und Studenten schweifen lässt, die sich an diesem Morgen im amerikanischen Parlament versammelt haben. Dann sagt er: Selbstverständlich sei es in erster Linie dem Aktivismus junger Amerikanerinnen und Amerikaner zu verdanken, dass im nationalen Parlament (nach einer mehrjährigen Pause) endlich wieder ernsthaft über eine Verschärfung der Waffengesetze debattiert werde. Aber die Anhörung im Justizausschuss des Repräsentantenhauses, an der am Mittwoch die jungen Aktivisten teilnahmen, sei nur ein «erster Schritt», sagt Deitsch. Denn der Kampf gegen die amerikanische Gewaltepidemie, von der sämtliche Segmente der Bevölkerung betroffen seien, komme einem Langstreckenrennen gleich. Und die Aktivisten würden nur dann als Sieger durchs Ziel gehen, wenn es ihnen gelinge, die Politiker auszumanövrieren, die vernünftige Lösungen blockierten.

Deitsch ist kein unbeteiligter Beobachter. Der junge Mann gehört zu den Mitbegründern des «March for Our Lives», der am 14. Februar 2018 im Nachgang zum Massaker an der Stoneman Douglas High School in Parkland (Florida) ins Leben gerufen wurde. Weniger bekannt als die Aushängeschilder der Bewegung – Parkland-Schüler wie Emma González, David Hogg oder Cameron Kasky – bildet Deitsch zusammen mit Charlie Mirsky (19) die politische Speerspitze des «March for Our Lives».

Aktivisten werden gehört

Der 21-jährige Deitsch trägt den Titel Chefstratege, während Mirsky als offizieller Lobbyist in der Hauptstadt tätig ist. Im Gespräch zeigen sich die beiden jungen Funktionäre überzeugt davon, dass es den Parkland-Studenten gelungen sei, die öffentliche Debatte über amerikanische Waffenrechte positiv zu beeinflussen. «Amerika hat genug von Waffengewalt», sagt Mirsky, und verweist darauf, dass bei der nationalen Parlamentswahl im vorigen November Befürworter strikter Waffengesetze an der Urne nicht bestraft worden seien. Auch deshalb stellen die Demokraten nun die Mehrheit im Repräsentantenhaus.

Deitsch seinerseits sagt, dass eine grosse Mehrheit der Bevölkerung die Verschärfung einiger Waffengesetze befürworte. So unterstützten mehr als 90 Prozent der Amerikaner eine umfassende Überprüfung des Leumunds («background check») bei sämtlichen Waffentransaktionen, so wie es ein neuer Gesetzesentwurf der Demokraten vorsieht.

Republikaner gegen Überprüfung

Allein: Im nationalen Parlament ist der Widerstand selbst gegen kosmetische Korrekturen gross. Während Jerrold Nadler, der demokratische Vorsitzende des Justizausschusses, die Gewaltepidemie eine «nationale Krise» nennt, sagt der Republikaner Doug Collins, die vorgesehenen Gesetzesanpassungen würden nicht funktionieren: Eine Verschärfung der «background checks» wird «Ihnen ein gutes Gefühl verleihen», sagt Collins an die Adresse der Demokraten, «aber das Problem nicht lösen». Denn das eigentliche Problem stellten Kriminelle dar, die sich nicht an bereits bestehende Gesetze hielten und das in der Verfassung festgeschriebene Recht auf Waffenbesitz missbrauchten, sagt der Republikaner.

An der Anhörung im Repräsentantenhaus nimmt auch Mattie Scott teil. Die Frau aus San Francisco (Kalifornien) personifiziert, wie lange sich die Debatte über schärfere Waffengesetze in Washington schon im Kreis dreht. Scott setzt sich als Aktivistin seit mehr als zwei Dekaden für legislative Anpassungen ein – weil sie persönlich von Waffengewalt betroffen ist. Ihr Sohn wurde am 17. Juli 1996 ermordet und noch immer, sagt Scott, erinnere sie sich lebhaft an die Schreie ihres Grosskindes, als sie dem Knaben eröffnete, dass er seinen Vater verloren habe. «Ich möchte, dass keine Mutter und kein Vater jemals wieder einen solchen Schrei hören muss», sagt die Aktivistin. Deshalb sei sie am Morgen in aller Herrgottsfrüh aufgestanden, um sicherzustellen, dass sie an der Anhörung teilnehmen könne.

Wie die Mitglieder der Bürgerrechtsbewegung oder die Kämpferinnen, die sich für die Einführung des Frauenstimmrechts einsetzten, sei sie der Überzeugung, dass der hartnäckige Kampf der Befürworter strengerer Waffengesetze sich letztlich auszahlen werde, sagt Scott. «Ich verfolge nur ein Ziel: Ich will, dass alle Amerikaner in Sicherheit leben können.»