Am Donnerstag erwachten die Kolumbianer mit einer Nachricht. Noch vor dem Morgengrauen machte ein Video die Runde, das dem fragilen Friedensprozess zwischen den «Revolutionären Streitkräften Kolumbiens» (Farc) und der Regierung einen tödlichen Schlag versetzen könnte. Zwei ehemalige Führer der Rebellen kündigten die Gründung einer neuen Guerilla und die Wiederaufnahme des bewaffneten Kampfs gegen den Staat an.

Einer der beiden Männer, Iván Márquez, sagte, damit wolle man die gesellschaftlichen Veränderungen erreichen, die das Land so dringend brauche. Auf den Friedensprozess und seine Errungenschaften setzt Márquez dabei nicht mehr. Er fühlt sich wie viele andere ehemalige Farc-Guerilleros verraten. Márquez’ Wort hat Gewicht: Er hat bei den Verhandlungen über das historische Friedensabkommen eine tragende Rolle gespielt.

Die Rückkehr «zum Guerillakampf» sei die Antwort darauf, dass sich der Staat nicht an das Friedensabkommen halte, sagte Márquez in seinem 32-minütigen Statement. «Wir wurden niemals besiegt noch ideologisch geschlagen. Deshalb geht der Kampf weiter.» 1800 vom Friedensprozess enttäuschte ehemalige Rebellen folgen Márquez und seinem Mitstreiter Jesús Santrich in den Untergrund.

13 000 Rebellen stehen auf der Rekrutierungsliste

Auch wenn Experten und Teile der demobilisierten Farc-Kämpfer diesen Schritt erwartet hatten, hat er Kolumbien in Schockstarre versetzt. Eine Rückkehr in die blutige Ära der Anschläge und Attentate, in der die Kolumbianer ein halbes Jahrhundert leben mussten, scheint plötzlich bedrohlich nah. Nach Einschätzung von Ariel Ávila von der Stiftung Frieden und Versöhnung sind die 1800 Farc-Dissidenten in rund 85 Gemeinden des Landes verteilt. «Das ist noch zu kontrollieren», sagt Ávila. Aber die neue Rebellengruppe werde versuchen, die im Friedensprozess verbliebenen 13 000 Ex-Farc-Kämpfer zu rekrutieren. Wenn das gelinge, wiederhole sich die Geschichte, fürchtet Ávila. «Dann werden wir zu dem bewaffneten Konflikt zurückkehren, den wir gerade erst überwunden haben.»

Die Regierung und jene Rebellen, die sich zur friedlichen Farc-Partei gewandelt haben, versuchen den Schulterschluss. Sie betonen, am Friedensabkommen von Havanna festhalten zu wollen. Der rechte Präsident Iván Duque wandte sich in einer TV-Ansprache an die Bevölkerung und bezeichnete die Dissidenten um Márquez als Kriminelle und als «Narcoterroristen», die von Venezuelas Staatschef Nicolás Maduro unterstützt würden.

Der frühere Rebellenführer und heutige Chef der Farc-Partei, Rodrigo Londoño, nannte den Schritt seines früheren Waffenbruders Márquez einen «wahnsinnigen Fehler». Zwar verlaufe die Umsetzung des Friedensprozesses vom September 2016 «im Schneckentempo», aber dennoch müsse man an dem Weg festhalten.

Gangsterbanden füllen Machtvakuum

Die im Abkommen als Hauptziel gesetzte soziale Gerechtigkeit ist drei Jahre nach der Unterzeichnung noch nicht annähernd erreicht. Zudem häufen sich Verbrechen an linken Aktivisten, Gewerkschaftern und Vertretern jener Gruppierungen, die ihr im Krieg geraubtes Land zurückfordern. Nach Angaben der «Defensoria del Pueblo», einem staatlichen Mechanismus zur Wahrung der Menschen- und Bürgerrechte, kamen seit dem Friedensschluss rund 500 soziale Aktivisten ums Leben. Hinzu kommen 143 ermordete Ex-Farc-Rebellen.

Täter sind zumeist neue paramilitärische Gruppen oder organisierte Banden, die sich seit dem Abschluss des Friedensabkommens breitmachen. Phasenweise hatten die Farc-Rebellen rund 30 Prozent des kolumbianischen Territoriums unter Kontrolle. Dort entstand nach Abschluss des Friedenvertrags ein Vakuum, das der Staat entgegen aller Zusagen weder militärisch noch sozial ausgefüllt hat. Stattdessen sind dort illegale Gruppen, Dissidenten der Farc und die Drogenkartelle eingezogen. Wenn Vertreter von Minderheiten oder Menschenrechtsvertreter diese Entwicklungen öffentlich kritisieren, geraten sie rasch in deren Fadenkreuz.

All das hat den Weg für die neue Guerilla-Gruppe unter Iván Márquez mitgeebnet. Die Gefahr, die von den rückfälligen Rebellen ausgeht, kann nur dann gebannt werden, wenn sich Regierung und Farc deutlich mehr als bisher für das Friedensabkommen einsetzen. Vor allem die Regierung unter Präsident Duque hat in ihrem ersten Amtsjahr das Abkommen und seine Umsetzung sabotiert, wo es möglich war. Die Quittung hat der Präsident jetzt dafür bekommen.