Wie heftig die Sozialdemokraten mit der gegenwärtigen Situation hadern, zeigte sich kurz vor Beginn der Vor-Sondierungen zwischen Union und SPD von Mittwoch. Der linke Flügel der SPD, der sich mit der Idee einer neuerlichen Grossen Koalition (GroKo) mit am wenigsten anfreunden kann, brachte plötzlich eine in Deutschland noch nie da gewesene Regierungsoption ins Spiel, das Modell der Kooperationskoalition. Kommt jetzt die Koko statt der Groko?

Selbst politikbeflissene Bundesbürger verlieren ob der Vielzahl an Optionen allmählich den Überblick. Bei einer Koko gäbe es zwischen CDU, CSU und SPD zwar einen Koalitionsvertrag, der sich allerdings lediglich auf bestimmte Kernprojekte beschränken würde. Andere Themenbereiche blieben offen, die Parteien müssten dann im Parlament um Mehrheiten kämpfen. Einige Genossen glauben, dass die SPD in einem solchen Modell trotz Regierungsverantwortung ihr Profil schärfen könnte.

Parteichef Schulz ist angezählt

Die von der SPD ins Spiel gebrachte Koko wäre gewissermassen eine Ehe mit der Option auf Fremdgehen, eine offene Beziehung sozusagen. Die geschäftsführend amtierende Bundeskanzlerin Angela Merkel lebt politisch indes wohl eher, um beim Bild zu bleiben, monogam, der jüngste Vorschlag aus den Reihen der SPD dürfte kaum eine Chance haben.
Ob die Grosse Koalition allerdings kommen wird, ist ebenfalls ungewiss – die Wahrscheinlichkeit ist trotz vieler Vorbehalte in Reihen der Union und der SPD ziemlich hoch.

Die Alternative einer Minderheitsregierung, bei der die Regierung um Mehrheiten im Parlament buhlen muss, wird Angela Merkel, die gerne politische Debatten umschifft und am liebsten durchregiert, zu verhindern versuchen. Bliebe die Option einer Neuwahl, vor der sich die SPD nach ihrer historischen Wahlschlappe vom 24. September fürchtet.

Die Angst, dass die angeschlagenen Genossen, bei welchen der Prozess der Erneuerung noch nicht einmal eingesetzt hat, weiter Terrain auch an die Alternative für Deutschland (AfD) verlieren, ist gross. Ihr Parteivorsitzender Martin Schulz ist nach weniger als einem Jahr im Amt massiv angezählt, erst musste er das schlechteste Abschneiden der SPD seit Kriegsende verantworten, danach legte er einen Zickzack-Kurs hin, lehnte eine Regierung mit der Union erst kategorisch ab, um beim Parteitag bei der Basis dafür zu werben, eben doch Gespräche mit Merkel und Co führen zu dürfen. Kommt hinzu, dass Schulz’ eminent wichtige Rede beim Parteitag bei der ohnehin skeptischen Basis nicht wirklich gezündet hat.
«Ausser Merkel nichts zu bieten»

Die Frage also wäre, mit welchem Personal die SPD in allfällige Neuwahlen gehen würde. Schulz abermals als Kanzlerkandidat? Das scheint nach zahlreichen Fehlern des Parteichefs undenkbar. «Der nächste Kanzlerkandidat der SPD ist Martin Schulz mit Sicherheit nicht», sagt der Berliner Politikwissenschafter Klaus Schroeder.

Die Chance der Genossen sieht Schröder indes in der personellen Situation der CDU: «Ausser Merkel hat die CDU zurzeit nichts zu bieten.»