Ehemaliger UNO-Generalsektretär

Kofi Annan im Interview im März 2017: «Die Zeit ist reif für eine Frau an der Spitze»

Kofi Annan ist am Samstag verstorben. Wie kein anderer, kannte er die Weltpolitik – die «Schweiz am Wochenende» traf den ehemaligen UNO-Generalsekretär vor gut eineinhalb Jahren und sprach mit dem damals 78-Jährigen über Frauen im Bundesrat, seine Fehler im Syrienkonflikt und wer ihn besonders beeindruckt hat.

Genf ist nicht nur seine Heimat, für ihn ist die Stadt auch einmalig auf der Weltbühne: Am Freitag hielt Kofi Annan eine Laudatio auf den Schweizer UNO-Standort und deren Direktor Michael Møller. Die «Schweiz am Wochenende», empfängt Annan im Büro seiner Foundation. Ein Tee hilft seiner etwas heiseren Stimme. «Ich hoffe, Sie können mich verstehen», sagt er und schmunzelt. Annan spricht über Schweizer Weggefährten, Donald Trump, und darüber, welche Herausforderungen die kommende Generation stemmen muss.

Herr Annan, viele Menschen sehen im Genfer Palais des Nations ein riesiges Konferenzzentrum, in dem stundenlang diskutiert, aber nichts Zählbares erreicht wird. Werden die Leistungen der UNO unterschätzt?

Kofi Annan: Das ist leider der Fall. Ich muss zugeben, dass sehr viel debattiert wird. Aber manchmal – selbst wenn es nicht oft vorkommt – erreichen wir etwas Aussergewöhnliches. Für diesen Moment lohnt sich die Arbeit. Der Atom Deal mit dem Iran ist ein Beispiel.

Nur wurde der Deal hauptsächlich in Wien ausgehandelt. Droht Genf seinen Sonderstatus zu verlieren?

Internationale Gespräche finden öfters in verschiedenen Städten statt, aber Genf hat ein Alleinstellungsmerkmal. Die Stadt ist durch und durch international. Einerseits leben hier Menschen aus aller Welt, andererseits decken internationale Institutionen das komplette Spektrum ab: von der Entwicklungshilfe über die Kommunikation bis hin zum internationalen Handel. In Genf entstehen neue Ideen, Kooperationen und Abkommen, die unser Leben Tag für Tag prägen. Nur sieht man es nicht immer.

Die Syrien-Gespräche sind hingegen keine Erfolgsgeschichte. Frieden ist nicht in Sicht. Welche Fehler hat die Weltgemeinschaft begangen?

Die Situation in Syrien ist eine menschliche Tragödie. Ich war 2012 selbst eng in die Gespräche involviert, als Sondergesandter der UNO. Ich sah zu diesem Zeitpunkt aber keine Chance. Es kann keinen Waffenstillstand geben, wenn der Mediator derjenige ist, der den Frieden am meisten will. Dabei hatten wir eine Basis gelegt, damit der Sicherheitsrat einen Friedensprozess anstossen konnte: das Geneva Communiqué. Mir gelang es, die Aussenminister des permanenten Sicherheitsrats wie Hillary Clinton und Sergej Lawrow davon zu überzeugen. Aber das reichte nicht.

Warum?

Weil einige Seiten glaubten, sie könnten den Krieg doch noch gewinnen. Dabei war klar, dass sich die militärische Schlagkraft zu diesem Zeitpunkt die Waage hielt. Darum habe ich versucht, einen Friedensprozess zu initiieren. Als ich einige Monate später aus mangelnder Unterstützung zurücktrat, war ich dennoch optimistisch. Ich sagte meinen Mitarbeitern: ‹Macht euch keine Sorgen, in ein paar Monaten kommen die Parteien zum selben Schluss wie ich›. Doch ich hatte mich getäuscht. Es dauerte bis 2015 bevor das Geneva Communiqué wieder auf den Tisch kam. Nur hatte sich die Situation nachdrücklich verändert: Die militärische Macht hatte sich verschoben.

Kofi Annan teilt seine Vision für eine gerechtere und friedlichere Welt

Kofi Annan teilt seine Vision für eine gerechtere und friedlichere Welt

Tausende starben, Millionen Menschen sind noch immer auf der Flucht. War Ihr Rücktritt aus heutiger Sicht ein Fehler?

Mein Rücktritt sollte ein Weckruf sein, zumindest war das meine Intention. Ich hoffte, dass der Sicherheitsrat einen Schritt nach vorne macht, aber das war nicht der Fall.

Muss der Sicherheitsrat reformiert werden, um Konflikte besser lösen zu können?

Absolut, daran gibt es keinen Zweifel. Einerseits ist die UNO eine sehr grosse Organisation mit vielen Mitgliedern. Andererseits liegt die eigentliche Macht bei sehr wenigen Staaten. Die Struktur stammt aus der Nachkriegszeit und ist längst überholt. Heute gibt es aufstrebende Staaten, die ihren Teil an der Weltpolitik beitragen sollten: Indien, Japan, Indonesien um nur einige zu nennen. Die fünf Veto-Mächte müssen darüber nachdenken, wie viel Macht sie abgeben wollen, um andere Staaten am Prozess teilhaben zu lassen.

Klingt nach Wunschdenken.

Wenn es keine Reform gibt, werden andere Staaten die Prämisse des Sicherheitsrats infrage stellen. Es ist ein schwieriges Unterfangen. Ich sage immer, es gibt zwei Dinge, die man jemandem nur schwer wegnehmen kann: Das eine sind Subventionen, das andere die Privilegien. Die Mächtigen beschweren sich immer über Subventionen für andere, aber an ihren eigenen Privilegien halten sie lange fest.

Sie kennen sich mit Konflikten aus wie kaum ein anderer: Lässt sich jeder Konflikt diplomatisch lösen?

Mit anderen Worten: Es gibt aus Ihrer Sicht also Situation, wo Streitkräfte zum Einsatz kommen müssen.

Das frage ich Sie.

(überlegt lange). Wir sollten versuchen, jeden Konflikt friedlich und diplomatisch zu lösen. Es gibt allerdings Momente, wo Streitkräfte zum Einsatz kommen müssen, im Sinne des Friedens. Das oberste Gebot muss dabei lauten: Richte nicht noch mehr Schaden an! Man muss sicher sein, dass die militärische Intervention die Situation vor Ort verbessert. Wenn die Zivilbevölkerung darunter leidet, ihre Infrastruktur, Schulen und Spitäler zerstört werden, ist militärische Macht der falsche Weg. Dann riskieren wir viel Leid, Extremismus und eine verlorene Generation.

Der Extremismus unter jungen Menschen nimmt nicht nur in Kriegsgebieten zu, sondern auch in den sozialen Brennpunkten der Grossstädte. Sie haben eine Initiative gegründet, um auf die Probleme aufmerksam zu machen. Warum wenden sich mehr junge Menschen extremistischen Strömungen zu?

Das liegt an einem Gefühl der Unsicherheit und am Vertrauensverlust gegenüber klassischen Führungsfiguren aus der Politik aber auch der Wirtschaft. Die Kluft zwischen Arm und Reich wird grösser. Die Politik versucht heute, Argumente aus der rechten oder der linken Ecke zu neutralisieren, ohne ernsthaft auf die Bedenken aus Teilen der Bevölkerung einzugehen. Glücklicherweise gibt es Ausnahmen.

Welche meinen Sie?

Zum Beispiel Kanada: Zu Beginn des Wahlkampfs glaubte niemand, dass der heutige Premierminister Justin Trudeau gewinnen könnte. Er war dritter, aber er suchte den Dialog mit der Bevölkerung: Was ist der kanadische Lebensstil? Nach welchen ethischen Prinzipien will das Land leben? Wofür steht Kanada eigentlich? So ist es Trudeau gelungen, die Wahl für sich zu entscheiden, mit dem Nebeneffekt, dass Kanada zum moralischen Schluss gekommen ist, Flüchtlinge aufzunehmen.

Kanada ist, wie Sie sagen, die Ausnahme. Vielmehr kehren autoritäre Figuren wie Erdogan oder Protektionisten wie Trump zurück.

Unglücklicherweise gelingt es den gemässigten Politikern nicht, die Themen zu setzen. Womöglich fehlt ihnen der Mut. Stattdessen setzen autoritäre Figuren die Agenda. Nehmen Sie Donald Trump: Er bestimmt, worüber gesprochen wird. Wenn Sie das Fernsehen einschalten, befinden Sie sich in Trump-World. Und das ist nicht nur in den USA so. Als junger Mensch würde ich mich fragen: Was machen unsere Politiker eigentlich? Wie kann das sein? Die Jungen sind frustriert und wenden sich ab. Dabei sollten wir sie einbinden.

Sie haben die «Electorial Integretity Initiative» gegründet, um sicherzustellen, dass Wahlen unter legitimen Bedingungen stattfinden. Sorgen Sie sich um die westliche Demokratie?

Wir müssen uns fragen, welche Anpassungen nötig sind, um das demokratische System, das uns so viele gute Dienste geleistet hat, in Zukunft zu sichern. Heute behauptet fast jedes Land auf der Welt, eine demokratische Regierungsform zu besitzen, aber es gibt Abstufungen der Demokratie. Noch immer werden Pseudoabstimmungen durchgeführt und Wahlen manipuliert. Das ist besorgniserregend, aber nur die eine Seite. Was hält einen Milliardär davon ab, Leute zu bezahlen, um auf der Strasse zu protestieren und so einen gewünschten Wandel herbeizuführen? Ist das besser? Entscheidend sind Transparenz und Fairness im Wahlprozess. Integre Wahlen geben dem Gewinner Legitimation und den Verlieren die Sicherheit, weiter für ihre Anliegen kämpfen zu können.

Wie bewerten Sie vor diesem Hintergrund die US-Wahl?

Unser Report hält fest, dass jede Wahl, in der dermassen viel Geld im Prozess steckt, ein schlechtes Beispiel ist. Da gehören die USA natürlich dazu.

Bleiben wir beim Geld. Donald Trump hat angekündigt, weniger Mittel für internationale Organisationen bereitzustellen. Was bedeutet das für den UNO-Standort Genf?

Uns haben Meldungen aus dem Weissen Haus erreicht, dass es tatsächlich zu Kürzungen kommen wird, welche die UNO und NGO’s betreffen. Das halte ich für einen schwerwiegenden Fehler. Diplomatie ist die erste Verteidigungslinie. Erst wenn Gespräche zu keinem Schluss kommen, ziehen Länder in den Krieg. Selbst wenn wir es nur von einem finanziellen Standpunkt betrachten würden, sind diplomatische Gespräche immer günstiger als Kriege. Wenn die US-Regierung die UNO lähmt, wird die Welt zu einem düsteren Ort.

Auch die Schweiz diskutiert über Einsparungen bei der Entwicklungshilfe von 0.5 des Bruttoinlandprodukts auf 0.4. Müsste die Schweiz als reiches Land mehr tun?

Die UNO gibt einen Richtwert von 0.7 Prozent des BIP vor, allerdings erreichen nur wenige Länder dieses Ziel. Dabei sind diese Entwicklungshilfen heute noch wichtiger als früher. Aber ich sage auch den afrikanischen Ländern, ihr könnt euch nicht alleine auf andere Länder verlassen, ihr müsst auf eigenen Beinen stehen. Aber ich würde mir mehr Hilfe aus der Schweiz wünschen.

Sie pflegen seit Jahrzehnten enge Verbindungen zu Genf. Welche Schweizer Persönlichkeit hat sie am meisten beeindruckt.

Ich bin schon in den 60er-Jahren als Student nach Genf gekommen und habe einige sehr enge Freunde gewonnen. Noch heute treffen wir uns regelmässig. Ich habe viel mit Schweizern gemeinsam. Einige enge Verbindungen habe ich mit Adolf Ogi geschlossen, meinem guten Freund.

Sie kennen auch Bundesrat Didier Burkhalter. Um ihn gab es Gerüchte, er könne der nächste UNO-Generalsekretär werden. Wie hätte Ihnen seine Wahl gefallen?

Das ist schwierig zu beantworten, weil die Entscheidung bei den Mitgliederstaaten liegt. Aber ich denke, Burkhalter wäre eine gute Wahl gewesen.

Sie sagten noch vor wenigen Monaten, die Welt sei bereit für eine weibliche UNO-Generalsekretärin. Das scheint nicht der Fall zu sein.

Ganz offensichtlich nicht. Ich habe in meiner Amtszeit wichtige Positionen häufig mit Frauen besetzt, aber die Mitgliederstaaten sind offenbar nicht soweit. Die Schweiz ist da anders. Ihr hattet einige aussergewöhnliche Frauen im Bundesrat, ich denke da an Ruth Dreifuss oder Michelin Calmy Rey. Da ist die Schweiz weiter als die UNO, aber es ist nie zu spät für einen Wechsel. Die Zeit ist reif für eine Frau an der Spitze.

Verstanden sich immer gut Kofi Annan und die damalige Bundesrätin Micheline Calmy Rey. So auch beim beim Treffen im UNO-Hauptquartier 2003 in New York. «Die Schweiz hatte einige aussergewöhnliche Frauen im Bundesrat», s

Verstanden sich immer gut Kofi Annan und die damalige Bundesrätin Micheline Calmy Rey. So auch beim beim Treffen im UNO-Hauptquartier 2003 in New York. «Die Schweiz hatte einige aussergewöhnliche Frauen im Bundesrat», s

Nun liegt die Aufgabe beim Portugiesen Antonio Guterres: Welches sind die drei grössten Probleme, die wir zu bewältigen haben?

Der Klimawandel zählt sicherlich zu unseren grössten Herausforderungen. Die Welt kann dieses Problem nur gemeinsam angehen. Ich weiss, dass Präsident Trump kein Interesse am Klimaschutz zeigt und die USA auf dem Rückzug sind. Vielleicht verzögert Trump Bemühungen um den Klimaschutz, aber aufhalten kann er sie nicht. Regierungen weltweit haben die Notwendigkeit erkannt. China drängt an vorderster Front auf eine Lösung. Wenn die eigene Bevölkerung wegen des Smogs nicht atmen kann, was hat eine Regierung dann zu bieten? Zweitens bereitet mir der Nahe Osten grosse Sorgen.

Wegen des Israel-Palästina-Konflikts

Nicht nur. Wenn man früher über die Probleme des Nahen Ostens sprach, ging es fast ausschliesslich um Israel und Palästina. Heute muss man Nordafrika miteinbeziehen, auch den Irak, Syrien oder Afghanistan. Die instabile Situation ist besorgniserregend. Wir müssen einen Weg finden, in der Region einen Friedensprozess zu initiieren.

Und der dritte Punkt?

Das ist die wachsende Ungleichheit, zwischen arm und reich aber auch zwischen den Staaten. Daraus ziehen Populisten ihre Stärke. Menschen, die hart arbeiten, dürfen nicht in Armut leben, während die Top-1-Prozent immer reicher werden. Wir dürfen das Thema nicht totschweigen, sondern müssen Lösungen finden.

Was macht Sie optimistisch, dass dies gelingt?

Die jungen Menschen erfüllen mich mit Hoffnung. Sie sind kreativ, voller Energie und haben eine Vision. Viele sind als Weltbürger aufgewachsen und denken nicht im nationalstaatlichen Muster. Manchmal fragen mich die jungen: ‹Was macht einen guten Leader aus?› Wenn sie mir dann erzählen, wie sie sich in der Freizeit weiterbilden oder in Entwicklungsländer reisen, um zu helfen, geben sie die Antwort quasi selbst. Sie merken gar nicht, dass sie mit gutem Beispiel vorangehen. Ich kann der jungen Generation nur den Rat geben: Haltet euch nicht zurück, wenn ihr etwas als falsch empfindet. Tut etwas dagegen! Man ist nie zu jung, um ein Anführer zu sein.

Meistgesehen

Artboard 1