USA

Keine Frau sass je näher an den Hebeln der Macht – und doch ist Kamala Harris' Erfolg nicht ohne Makel

Wow, was für ein Sieg! Kamala Harris mit Ehemann Doug Emhoff (links) und Joe und Jill Biden freuen sich über den Wahlerfolg.

Wow, was für ein Sieg! Kamala Harris mit Ehemann Doug Emhoff (links) und Joe und Jill Biden freuen sich über den Wahlerfolg.

Kamala Harris (56) ist die erste Vizepräsidentin der amerikanischen Geschichte – und sie werde nicht die letzte sein, versprach sie bei ihrer Siegesrede am Samstagabend. Feministische Kreise machen sich indes wenig Hoffnung, dass sie drängende Themen anpacken wird.

Ein Halten gibt’s nicht mehr, als Kamala Harris durch einen Flaggenwald auf die Bühne tritt und in die Menge der «Drive-in»-Fans winkt. Mary J. Blige’s Song «Work That» schallt über den Parkplatz voll hupender Autos, über den Zaun und die Secret-Service-Agenten hinweg, die die jauchzenden Menschen stoisch im Blick behalten.

Mary J. Blige singt über träumende Mädchen und mächtige Königinnen, Kamala Harris reisst beide Arme in die Höhe. Hier, unweit der tosenden Wellen des Atlantiks, brechen grad alle Dämme. Eine ältere Frau weit hinten im Publikum zerrt ihre Maske herunter, schreit ihre Freude in die kalte Nacht hinaus.

Endlich! Ein historischer Moment. Eine Frau im Weissen Haus. Nicht auf dem Chefsessel zwar, aber so nah dran, wie’s noch kein Vizepräsident in der Geschichte des Landes war. «Ich mag zwar die erste Frau in diesem Amt sein, aber ich werde nicht die letzte sein», sagt Harris.

Stunden vorher erhielt sie den entscheidenden Anruf. Sie stand im Jogging-Dress an der Herbstsonne. Am Apparat war Joe Biden, der «President Elect» der USA. «Wir haben’s geschafft, Joe», sagte Harris strahlend. Und wie schon damals im August, als Biden sie anrief, um ihr mitzuteilen, dass er sie als seine Vizekandidatin auserkoren habe, wirkte die Kalifornierin enorm cool, gefasst, «up to the task», wie die Amerikaner sagen.

Die «gläserne Decke», die Hillary Clinton vor vier Jahren noch zitierte, als sie Donald Trump zu dessen Wahl gratulierte, die ist nicht mehr. 2016 zeigte sich Clinton zuversichtlich, dass bald eine andere Frau es ganz nach oben schaffen und die unsichtbare Schranke durchbrechen würde. Kamala Harris, die 56-jährige Kalifornierin, deren Eltern einst aus Indien und Jamaika in die USA einwanderten, hat es geschafft. Sie wird bald an der Seite von Joe Biden Amerika durch den «düsteren Winter» führen, den die Demokraten dem Land vorhersagen.

Die weissen Nachbarn wollten nicht mit ihr spielen

Kamala Harris holt tief Luft. Glaubt man den Fernsehbildern, ist sie die einzige Anwesende unter den Tausenden Erleichterten, die keine feuchten Augen hat. Sechsmal setzt sie an, sechsmal sagt sie «Guten Abend». Und dann zitiert sie den Bürgerrechtler John Lewis, der einst gesagt hatte: «Demokratie ist kein Zustand, es ist ein Akt.»

Harris weiss das. Und sie weiss, dass Menschen wie sie – Frauen, Dunkelhäutige, Kinder von Einwanderern – in diesem Akt noch immer nicht jene Rolle spielen, die sie spielen sollten. Vor nicht allzu langer Zeit machte die baldige Vizepräsidentin der USA keinen Geringeren als ihren zukünftigen Chef und Partner Joe Biden mitverantwortlich dafür.

Auch Harris trat im vergangenen Jahr bei den demokratischen Vorwahlen im Präsidentschaftsrennen an. Bei der allerersten TV-Debatte der Demokraten ging sie scharf mit Biden ins Gericht. Sie unterstellte ihm, als Senator in den 1970er-Jahren zu wenig gegen die Rassentrennung an Amerikas Schulen gemacht zu haben.

Als Mädchen im kalifornischen Berkeley hatte die Tochter eines Wirtschaftsprofessors und einer Krebsforscherin zu den ersten farbigen Kindern gehört, die mit Bussen aus den Schwarzenvierteln in weisse Schulen chauffiert wurden. Mit dem sogenannten «Busing» wollte die US-Regierung ein Ende der rassengetrennten Schulen herbeiführen. Zu Hause aber spürte Harris tagtäglich, dass sie als schwarzes Mädchen anders war. Die weissen Nachbarn liessen ihre Kinder nicht mit Kamala und ihrer Schwester spielen.

Als Kaliforniens Oberstaatsanwältin kämpfte sie nicht nur gegen intransparente Tech-Giganten, mexikanische Kartelle und Pädophile, sondern auch gegen rassistische Polizisten. Bei den diesjährigen Black-Lives-Matter-Protesten hat sie sich in Washington D.C. unter die Demonstranten gemischt – just einen Tag, bevor Donald Trump Bundespolizisten auf die Protestmasse hetzte, um ungestört mit einer Bibel vor einer Kapelle posieren zu können.

Statt gegen das Weisse Haus zu protestieren, wird Kamala Harris im kommenden Januar selber ins amerikanische Machtzentrum einziehen. Mindestens zu Bürozeiten. Wohnen wird die erste Vizepräsidentin mit ihrem Mann Doug Emhoff (dem ersten «First Husband» der US-Geschichte) auf dem Gelände des Naval Observatory Forschungsinstituts am anderen Ende von Washington D.C. Ob die beiden Stiefkinder den Umzug aus der Fünf-Millionen-Villa in Los Angeles ins winterlich kalte D.C. mitmachen, steht noch offen.

Klar ist bereits, dass wohl noch keiner ihrer Vorgänger näher an den Hebeln der Macht sass als sie. Joe Biden hat ihr versprochen, dass sie bei jeder wichtigen Entscheidung die letzte Person sein werde, mit der er sich beraten wird. Und: Joe Biden ist der älteste US-Präsident der Geschichte. Ob der 78-Jährige in vier Jahren nochmals antritt, ist fraglich. Falls nicht, wird Harris in der Poleposition sein, um ihn zu beerben.

Donald Trumps zynische Gratulation

Diese Vorstellung macht vielen Amerikanern auf der rechten Seite des politischen Spektrums Angst. Harris gilt als liberal, viele sehen sie als Linke, manche erachten sie als Gefahr. Das hat sich bereits bei den demokratischen Vorwahlen gezeigt. Nie kam die Senatorin über 15 Prozent Zustimmung hinaus. Ihre Kampagne musste sie im Dezember 2019 abbrechen, weil ihr das Geld ausging. Selbst innerhalb ihrer Partei ist Harris alles andere als unumstritten.

Feministische Kreise in Amerika andererseits machen sich wenig Hoffnung, dass Harris die drängenden Themen anpacken wird. Ohne #MeToo-Debatte hätte Biden nicht auf eine Frau gesetzt, ohne die Ermordung des schwarzen George Floyd hätte er niemals eine Farbige gewählt, sagen viele.

Dass Kamala Harris selber sich in ihrer Ansprache an Joe Biden wandte und ihm zu seinem «Mut, eine Frau zu nominieren», gratulierte, das erzürnt viele Frauen. Schliesslich waren sie es, die einen entscheidenden Beitrag zu Bidens Wahlerfolgen in Georgia, Pennsylvania oder Michigan beigetragen hätten. Biden jetzt als Heilsbringer zu verschreien, als Frauenförderer: Das verdrehe die Perspektive.

Nun denn, Kamala Harris ist die erste Frau im zweithöchsten Amt des mächtigsten Landes dieser Welt. Einen fuchst das ganz besonders: Donald Trump. Der tweetete im Dezember 2019, als Harris ihre Präsidentschaftskandidatur beendete: «Soooo schade, wir werden dich vermissen, Kamala.» Da hatte sich einer zu früh gefreut.

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