Nach monatelangen widersprüchlichen Zahlen ergaben die Umfragen am Tag des Referendums ein klares Bild. Da fragten die Meinungsforscher die Briten nicht mehr, wie sie abstimmen wollten. Stattdessen wollten sie wissen, welchen Ausgang die Befragten erwarteten. Bis zu 70 Prozent der Briten, so das Ergebnis, sahen ein Votum für den EU-Verbleib voraus, nur 19 Prozent tippten auf das korrekte Ergebnis. «Die Wählerschaft überraschte also nicht nur viele Experten, sondern auch sich selbst», resümiert Politikprofessor John Curtice von der Strathclyde-Universität in Glasgow sechs Monate danach. Und noch etwas weiss der führende Umfragen-Experte des Landes: Grossbritannien ist noch immer genau so gespalten wie an jenem 23. Juni, als 51,9 Prozent den Brexit befürworteten.

Von Weihnachtsfrieden also kann keine Rede sein auf der Insel, schon gar nicht für die Regierung von Theresa May. Gleich im neuen Jahr will die konservative Premierministerin eine programmatische Rede halten und dabei ein wenig mehr zu ihrem Kurs für die bevorstehenden Verhandlungen mit den Brexit-Partnern sagen. So hat es die Regierungschefin diese Woche dem Verbindungsausschuss des Unterhauses versprochen. Hingegen mochte sie sich ausdrücklich nicht darauf festlegen, dass das Parlament über den wohl Anfang 2019 feststehenden Deal abstimmen darf. Damit steht sie im Widerspruch zu ihrem eigenen Brexit-Minister David Davis: Der hielt es kürzlich im Unterhaus für «undenkbar», dass zwar das Europaparlament – wie vom Lissabon-Vertrag festgelegt – sich dazu äussern darf, nicht aber die in Westminster versammelten Volksvertreter.

«Stürmischste Periode seit 1945»

Widersprüche, sogar offene Streitigkeiten selbst unter Regierungsmitgliedern gehören seit Monaten zu dem verwirrenden Bild, das Grossbritannien seit seiner fundamentalen Entscheidung vor einem halben Jahr bietet. Man habe die «politisch stürmischste Periode seit dem Zweiten Weltkrieg» erlebt, behauptet ein rechtzeitig zum Halbjahrestermin erschienener Bericht des Think-Tank «UK in a changing Europe». Dessen Direktor, der Politologe Anand Menon, hat eine Reihe von Experten unterschiedlicher Disziplinen um Stellungnahmen gebeten. Sein Fazit: Vieles deute auf den «harten Brexit» hin, also den Totalausstieg des Königreiches aus Binnenmarkt und Zollunion.

So sieht das auch die schottische Ministerpräsidentin Nicola Sturgeon. Rechtzeitig zum Fest hat die Leiterin der Edinburgher Regionalregierung der Londoner Kollegin ein 50-seitiges Dokument über den Tisch geschoben. Damit will die Nationalistin Druck machen für den «weichen Brexit», also den Verbleib im Binnenmarkt samt anhaltender Milliardenzahlungen ins Brüsseler Budget. Wenn diese Lösung für das Vereinigte Königreich als Ganzes nicht durchsetzbar sei, müsse Schottland eben eine Sonderlösung bekommen, argumentiert Sturgeon. Schliesslich hat die stolze Nation im Norden der Insel mit 62 Prozent für den Verbleib gestimmt. May hat eine ernsthafte Prüfung der Edinburgher Vorschläge zugesagt. «Sonst würde sie das Auseinanderbrechen der Union riskieren», glaubt Professor Michael Keatin von der Uni Aberdeen.

Risiken und Unsicherheiten beschäftigen auch viele Berufsgruppen. Der Wirtschafts- und Finanzlobby haben Brexit-Minister Davis und sein Finanzkollege Philip Hammond erst kürzlich einen «sanften und ordnungsgemässen» Brexit angekündigt. Wie der aussehen soll, bleibt offen. Eine Übergangsregelung für mindestens zwei Jahre wünscht sich Zentralbank-Gouverneur Mark Carney, die Premierministerin spricht lieber von einer «Implementierungsphase». Und will während der zweijährigen Austrittsverhandlungen, die spätestens Ende März beginnen sollen, auch gleich einen neuen Handelsvertrag mit den 27 Partnern vereinbaren. Das wiederum halten alle Experten für illusorisch, Grossbritanniens Vertreter in Brüssel spricht von einem Zeitraum von zehn Jahren, bis alles in trockenen Tüchern sei.